Viele Vorstellungen über das Leben nichtreligiöser israelischer Juden, wie es von der Mehrheit der Israelis gehalten wird, sind falsch. Das was in Israel als säkular bezeichnet wird, würde man in Europa eher traditionell nennen.
Laut Wikipedia bezeichnen sich zwei Drittel bis drei Viertel aller israelischer Juden als “nicht religiös” (lo datiim) oder “säkular” (chilonim) , was in der Alltagssprache synonym gebraucht wird. Was außerhalb Israels mit diesen Begriffen verbunden wird, ist aber oft falsch.
Das liegt möglicherweise daran, da an das Judentum andere Maßstäbe angelegt werden als das Christentum. Ersteres ist dem Europäer nur in der Rolle einer Minderheit vertraut, während das Christentum nur in der Rolle der Mehrheitskultur denkbar ist. In Israel ist die Rolle des Judentums aber analog zu der des Christentums in Europa zu denken.
Unter dem Ausdruck säkulares Judentum werden außerhalb Israels bzw. in Analogie zum Diasporajudentum verschiedene Dinge verstanden, die es zwar gibt, aber die als Beschreibung dem Umgang mit Religion durch die israelische Mehrheitsgesllschaft nicht gerecht werden:
1. Säkulare Israelis sind nicht assimiliert
In der Diaspora bedeutet eine Abkehr von jüdischer Religion automatisch eine Übernahme christlicher Denk- und Handlungsweisen. Ein säkularer Jude in den USA wird daher beispielsweise an Weihnachtsfeiern teilnehmen und dieses als lokale Volkskultur seines Landes betrachten. In Israel gibt es das in dieser Form nicht, da es keine christliche Mehrheitskultur gibt, in die man sich assimilieren könnte.
Als einzige Minimal-Assimilierung an die Weltkultur könnte man die Silvesterfeiern bezeichnen, die beispielsweise in Tel Avivs trendigen Clubs populär wurden. Auch der Valentinstag wird manchmal beiläufig in den Medien erwähnt. Von einer Observanz dieser Termine ist aber keine Rede. Jene, die Silvester (und teilweise auch Weihnachten) tatsächlich als Feiertag empfinden, sind nicht in Israel sozialisiert worden (russische Immigranten, davon viele keine Juden) oder gehören von vornherein nicht zum jüdischen Sektor (christliche Araber).
Abgesehen vom gregorianischen Kalender und ihm folgenden Geburtstagsfeiern gibt es nichts “Christliches” in der säkularen Mehrheit der jüdischen Israelis.
2. Säkulare Israelis sind nicht reformiert
Das Reformjudentum, das sind inhaltich an die Reformation anschließt, ist die Lösung von der Vorstellung, die Religionspraxis wäre unveränderbar. In der Wikipedia steht diese Definition:
Entscheidend für diese Richtung ist die Auffassung, dass die ethischen Gesetze des Judentums zeitlos und unveränderliche seien, die rituellen Gesetze hingegen verändert werden könnten, um sie dem jeweiligen Lebensumfeld anzupassen.
Für die säkulare Form des Judentums in Israel trifft das überhaupt nicht zu. Weder die ethischen noch die rituellen Gesetze werden als veränderbar begriffen. Die Reformbewegung ist in Israel quasi nichtexistent. Mir ist keine einzige Person im säkularen Umfeld bekannt, die sich als Reformer definiert oder irgendein familiäres Event (Bar Mitzwa, Hochzeit) nach reformiertem Ritus durchgeführt hätte. Es gilt allgemein die Auffassung, daß auch wenn man nicht in einer religiösen Gesellschaft lebt, die rituellen Formen von Feiertagen und Lebensfesten so einzuhalten sind wie es vorgesehen ist.
Abgesehen davon würde jeder überzeugte Reformjude sich dagegen wehren, als nichtreligiös bezeichnet zu werden, auch dann, wenn er in einzelnen Bereichen weniger observant ist als ein säkularer Israeli. Das Reformjudentum sieht sich explizit als religiöse Bewegung.
3. Säkulare Israelis sind nicht antireligiös
Obwohl es eine politische Bewegung gibt, die gegen den politischen Einfluß des religiösen Establishments vorgeht, ist es kein Bestreben einer Abschaffung der Religion. Bei der Staatsgründung hatte man sich darauf geeinigt, daß Israel zwar kein Gottesstaat sein sollte, aber in Fragen der Religion die Orthodoxie die Autorität haben sollte. Das wirkt sich bis heute etwa auf Fragen der Einwanderung, der Heirat usw. aus.
Die in Europa fast epidemische zynische Ablehnung von Christentum und Kirche ist in Israel nicht mehrheitsfähig. Allgemein herrscht eher Respekt vor Traditionen und Religion vor (aber nicht unbedingt vor deren Vertretern.)
4. Säkulare Israelis sind keine atheistischen “humanistischen Juden”
Humanistisches Judentum nennt sich eine in den USA vorkommende antireligiöse, strikt atheistische Bewegung:
Humanistic Judaism is a movement within Judaism that emphasizes Jewish culture and history - rather than belief in God - as the sources of Jewish identity. Its rituals and ceremonies do not include prayer or any invocation of a deity.
In einigen Kibbutzim, welche einer sozialistischen Ideologie anhangen, wird diese Form der “Religion” praktiziert. Dabei werden sämtliche Feiertage und Lebensfeste bewußt ihrer religiösen Dimension entledigt und umgeformt, wie auf der Homepage eines solchen Kibbutz zu lesen ist:
As secular Jews in Israeli society, we dedicate time and energy to a creation of a Jewish expression which is both innovative and relevant to our lives, as well as in touch with our heritage. [...] As a secular community, we try to take a critical and creative look at Judaism, its traditions and its rituals. [...] This expression is manifested on Tamuz by the constant studying and redeveloping of all holidays from a secular, modern standpoint [...]
Rituale werden nicht ignoriert sondern bewußt verändert. Der Effekt ist ähnlich einer Reformationsbewegung.
Der größte Schweinezüchter Israels ist ein solcher Kibbutz. Um das Gesetz gegen Schweinezucht auf jüdischem Land zu umschiffen, werden die Tiere auf Plattformen gehalten. Ein weiterer solcher Kibbutz ist der größte Erzeuger von Schweinefleischprodukten. Schweine gelten als nicht koscher.
Die Bezeichnung “säkular” ist in diesem Zusammenhang völlig irreführend, denn die meisten Israelis würden so einer Lebensweise nicht unbedingt zustimmen noch dieses als “Judentum” bezeichnen. Auch “in Israeli society” klingt etwas seltsam, da diese Enklaven laut ihrer Homepage eigene Gesellschaften mit alternativen Werten und Lebensweisen bilden.
Religiöse Praxis der Säkularen - kein Widerspruch
Anhand von vielen Beispielen sieht man, daß der typisch israelische Umgang mit Religion weder mit Assimilierung noch mit Reformierung, und weder mit Antireligiösem Ressentiment noch mit sozialistisch verordnetem Atheismus zu tun hat. Der einzelne Jude entscheidet selbst, welche Teile der Religion er wie für sich und seine Familie mit Bedeutung erfüllen möchte. Dabei wird aber weder Ritual noch Zeitpunkt, weder Gebetstexte noch Bedeutungen, weder Inhalt noch äußere Form verändert. Entweder eine bestimmte Observanz wird eingehalten oder eben nicht:
- Feiertage werden nach orthodoxem Ritus gehalten. Das betrifft auch Gebete, Segenssprüche und andere religiöse Elemente. Mit der Anrufung von Gott hat keiner ein Problem. Pesach ist fast jeder Familie ein großes Ereignis. Am Jom Kippur fährt man nicht Auto und geht in den Gottesdienst. Viele fasten. Auch kleinere Feste werden begangen.
- Der Schabbat ist kein Tag wie jeder andere. Laut Gesetz ist es verboten, einen Juden am Schabbat zu einer Arbeit zu zwingen. Die Ladenöffnungszeiten halten sich üblicherweise an die Schabbatzeiten. Das freitägliche Familienessen und Kerzenzünden durch die Frau/en im Haushalt ist durchaus verbreitet.
- Kaschrut, d.h. Speiseregeln, werden fast von allen in einer mehr oder weniger strikten Form eingehalten. Das kann von der Observanz von Pesach und Jom Kippur über die Ablehnung bestimmter Tiere, bestimmter Gerichte bis zur ausschließlich koscheren Ernährung gehen.
- Lebensfeste und Initiationsriten werden nach orthodoxem, religiösem Ritus ausgeführt. Das betrifft Beschneidung, Bar Mitzwa, Hochzeit, Beerdigung etc. Auch eine Konversion ist ein Initiationsritus. Ich habe bisher noch nicht erlebt, daß ein Säkularer seinen Sohn nicht beschneiden ließ oder jemand Reform geheiratet hätte.
In der politischen Dimension gibt es auch keine völlige Säkularisierung. Vielmehr herrscht eine Verquickung von Religion, täglichem Leben und Staat vor, welche man sogar mit einer Staatskirche vergleichen kann.
- Das Bevölkerungsregister beruft sich bei der Bestimmung von Juden und Nichtjuden auf die orthodoxe Regel, daß nur jemand mit jüdischer Mutter oder orthodoxer Konversion als Jude gilt.
- Einbürgerung kann kraft eines religiösen Aktes erfolgen: Wer orthodox konvertiert, wird Israeli.
- Es gibt in Israel keine Zivilehe. Eine Einführung fand bis heute keine Mehrheit. Offenbar gibt es doch einen Konsens bei der Einhaltung dieser Tradition. Ein befreundetes Paar (beide Juden) hatte angedacht, in Zypern zu heiraten - “aus Protest”. Diesen Floh hatte offenbar die Dame dem Herren ins Ohr gesetzt, denn sie stammt aus einem antreligiösen Kibbutz. (Seine Eltern legten ein Veto ein - die Hochzeit fand statt.)
Ob Israel nun mehr oder weniger eine Trennung von Staat und “Kirche” vollzogen hat als andere Länder im Vergleich - darüber kann man streiten. Es gibt beispielsweise keine Zivilehe, dafür gibt es die Anerkennung von schwulen Lebensgemeinschaften. Einen religiösen Sturmlauf dagegen gibt es nicht. Religiöse Minderheiten genießen in Israel mehr Freiheiten als in anderen Ländern. Eigene Feiertagsregelungen, eigene Lehrpläne an den Schulen und eigene Personenstandsregister sind nur ein paar Beispiele. In vielen europäischen Ländern ist es nicht so eindeutig klar, daß ein Türke Sonntags seinen Laden offenhalten dürfen soll und alle anderen nicht. Sogar der Erwerb der Staatsangehörigkeit durch einen religiösen Akt ist in der EU möglich: Wer ein Amt im Vatikan beendet, und beim dadurch erfolgenden Verlust der vatikanischen Staatsangehörigkeit staatenlos werden sollte, wird automatisch Italiener; ein Eintritt ins Athoskloster macht einen zum Griechen. Die meisten Touristen empfinden Israel als sehr religiös durchdrungen. Ob das nun stimmt oder nicht ist eine Streitfrage. Der Exotikeffekt führt bei Touristen nämlich dazu, daß ihnen Muezzinschreie und koschere Restaurants auffallen, Kirchenglocken und Sonntagsarbeitsverbot aber nicht. Ich denke, daß Israel nicht mehr oder weniger religiös durchdrungen ist als Europa. Die Durchdringung ist aber anders, da es um verschiedene Zugänge zur Religion geht: Das Christentum ist mehr innere Einstellung, während das Judentum Zugehörigkeit durch Lebensstil ist.
Die Trennung zwischen religiös und säkular läuft in Israel daher an der Frage entlang, in welcher Gesellschaft man lebt und wie stark die Religion Einfluß auf das tägliche Leben hat. Davon ist etwa auch so etwas Banales wie die Kleidung betroffen. Säkulare Israelis sind westlich gekleidet. Auch die Wahl der Schule ist ein wichtiger Unterschied: Es gibt spezielle religiös ausgerichtete Schulen.
Von einer kompletten Ablehnung, Umformung oder Diskreditierung religiöser Werte, Glauben und auch Praxis durch Säkulare kann aber keine Rede sein.
Sonntag, 18. Februar 2007 um 16:08
B”H
@Schmetterlingsfrau
Das hast du sehr gut und ausfuehrlich geschrieben. Kol HaKavod.
Miriam
Sonntag, 18. Februar 2007 um 19:59
Sehr interessant geschrieben, vielen Dank
Abe rmal eine Frage: Gibt es echt russische Einwanderer, die Weihnachten feiern? Ich kenne sehr viele “Russen” in Israel, aber keiner davon feiert es. Silvester ja, aber Weihnachten?
Sonntag, 18. Februar 2007 um 22:16
Hallo,
wie ist das mit der Mesusa an der Wohnungstür? Kriegen säkulare Juden trotzdem Segen für ihre Wohnung oder dürfen die keine Mesusa anbringen. Wie sieht das aus für säkulare Nichtjuden? Könnten die auch den Segen und die Mesusa kriegen? Hängt das von der Gemeinde ab? Ich würde nämlich das gerne mit unserer Familienwohnung machen lassen und die Mesusa anbringen. Ich bin nicht Jude, nicht religiös und lebe in der BRD.
Danke,
P.
Sonntag, 18. Februar 2007 um 22:42
@G. G.
Im Dezember/Jänner quillen russische Geschäfte mit Weihnachtsparaphernalien über. In vielen Malls werden Bäume verkauft. Die Käufer sind Araber (es gibt christliche Araber) und Russen…
@Plamen
Mesusot kommen in so gut wie alle Häuser, und in alle Wohnungen, Büros etc. Also ich wüßte jetzt niemanden, der das nicht hätte. Auch der Haussegen/Geschäftssegen ist sehr oft ausgehängt (auch bei uns). Das ist ein gutes Beispiel für säkulare Observanz, vielen Dank! Viele küssen die Mesusot auch, vor allem Marokkaner.
Bei Nichtjuden erschließt sich mir aber nicht, warum man eine Mesusa aufhängen sollte. Natürlich kannst du aufhängen was du willst, aber du erfüllst damit kein Gebot. Abgesehen davon könnte das überraschende wenig erfreuliche Reaktionen geben, könnte ich mir vorstellen. Denn die Mesusa ist von außen sichtbar.
Sonntag, 18. Februar 2007 um 23:18
@schmeterlingsfrau:
danke für die Infos. Noch eine Frage, kommt der Rabi und spricht den Segen aus oder wie läuft das Ganze ab? Kann ich in der örtlichen judischen Gemeinde einfach Termin vereinbaren?
Du schreibst: “Bei Nichtjuden erschließt sich mir aber nicht, warum man eine Mesusa aufhängen sollte. Natürlich kannst du aufhängen was du willst, aber du erfüllst damit kein Gebot.” Ich verstehe das nicht. Erfüllen säkulare Juden ein Gebot? Ich will die Segnung und die Mesusa, weil ich das einen schönen Brauch finde, und Segen ist schließlich Segen, ohne die Religion als Talisman herunterspielen zu wollen.
Und jetzt zu Warum: eingentlich sind es meine Eltern (ortodoxe Christen, lange Geschichte) die unbedingt meine Wohnung gesegnet haben wollen sehen. Vom Christentum halte ich aber nicht viel. Den Brauch mit der Mesusa finde ich toll, plus die Sympathien, deswegen der Wunsch.
Bei uns in dem dritten Obergeschoss eines Gründerzeithauses ohne Fahrstuhl und mit quietschenden Eichen-Treppen verliert sich kaum jemand und wenn schon, man muss Zeichen setzen können.
P.
Sonntag, 18. Februar 2007 um 23:58
ich denke nicht, dass in Deutschland viele eine Mesusa als solche identifizieren können
Was Weihnachten/Silvester angeht, das ist wohl ein Missverständnis. In Russland feiert man Silvester wie in westlichen Ländern Weihnachten(bzw. es ist eine Mischung aus Wihnachten und Silvester), also mit Baum und Co. In der Sowjetunion wollte man mit Relegion und Weihnachten nichts zu tun haben, aber um die Traditionen doch nicht ganz aufzugeben hat man sie einfach aufs eher unreligiöse Silvester übertragen. In Russland gibt es kaum jemanden, der Tannenbäume oder Schokonikoläuse mit Weihnachten oder Christentum in Verbindung bringt.
Montag, 19. Februar 2007 um 1:30
@plamen
Die Mesusot werden von jemandem angbracht, der das Prozedere und die Regeln dazu kennt, entweder man selber oder ein religiöser Verwandter, Bekannter etc. Ein Rabbi ist dazu nicht nötig soweit ich das weiß. Beim Anbringen wird ein Segensspruch gesagt. Ich war aber noch nie anwesend bei so einer Zeremonie - unser Haus stand schon, als wir einzogen
“Erfüllen säkulare Juden ein Gebot?” Natürlich. Das Anbringen der Mesusa ist ein Gebot. Eine Mesusa ist kein Talisman oder Schutz vor bösen Geistern sondern ein Gebot aus der Tora.
Ich weiß nicht was ich dir raten soll. Ich halte nichts von der Übernahme oder Imitation von jüdischen Bräuchen. Als Gebot hätte es keinen Sinn, und als Segen auch nicht, denn der Segen sagt “…. der uns geboten hat…” und wenn du kein Jude bist, ist dir nichts geboten, auch die Mesusa nicht.
Und Zeichen setzen kann man glaube ich anders.
Evt. findest du Zitate aus den Psalmen o.ä., welche man aufhängen kann als eine Art Hausschmuck? Der Haussegen ist ja auch etwas, das es im Judentum und Christentum gibt.
@ G. G.
Ich habe das auch so gehört, daß Weihnachten und Silvester keine religiöse Bedeutung haben. Dennoch wird das in Israel eben so wahrgenommen.
Wegen der Mesusa weiß ich nicht, wer eine solche identifizieren könnte. Da ein hebräischer Buchstabe dran ist, könnte man diesen schon zuordnen.
Montag, 19. Februar 2007 um 10:20
@schmetterlingsfrau
danke nochmal für die Erläuterungen. Zwei letze Fragen noch:
1. Wie sieht das mit den Mietwohnungen in Israel aus? Hängen da Mesusot, und was passiert, wenn z.B. christliche Araber einziehen, wird die Mesusa entfernt?
2. Das Judentum kennt ja Gebote für Nichtjuden. Könnte nicht so ein Gebot in der Mesusa bei mir stecken?
Danke,
P.
PS Ja, das Haussegen gibts im Christentum, und die Ortodoxen zumindest segnen Wohnungen, egal wer drinen wohnt. Bei den Katholiken und Protestanten weiß ich nicht. Wie gesagt, das kommt bei mir nicht in Frage. Da bleibt die Wohnung halt ungesegnet.
Montag, 19. Februar 2007 um 10:29
@schmetterlingsfrau
Sorry nochmal, aber ich mir ist eine Aussage von Dir erst jetzt aufgefallen: “Auch der Haussegen/Geschäftssegen ist sehr oft ausgehängt”. Bedeutet das, dass es Haussegen auch OHNE die Mesusa gibt?
Danke,
P.
Montag, 19. Februar 2007 um 10:39
B”H
Ich sehe, dass es hier voellig falsche Vorstellungen ueber Mezuzot herrschen.
Richtig, eine Mezuza sollte angebracht sein (wobei es Unterschiede bei Ashkenazim und Sepaharadim gibt).
Eine Mezuza ist weder ein Talisman noch schuetzt sie vor Geistern. Es ist ein jued. Symbol, mehr nicht.
Um sie anzubringen, braucht man KEINEN Rabbi, sondern jeder kann es tun. Beim Anbringen sagt man einen bestimmten Segen und das wars.
Sie bringt keinen Segen fuer das Haus!!!! Historisch geht es auf den Auszug aus Aegypten zurueck. Jeder Jude sollte aber eine haben, was in Israel gewoehnlich der Fall ist. Und eine Mezuza MUSS koscher sein, sprich von einem Sofer geschrieben worden sein.
Warum eine Nichtjude eine Mezuza will ist mir jedoch schleierhaft. Ist sowas jetzt IN in Deutschland ?
Miriam
Montag, 19. Februar 2007 um 15:51
Ich moechte nur noch hinzufuegen, dass es das Aquivalent der Stroemung “conservative” in Israel auch gibt. Diese Richtung nimmt ungefaehr die mittlere Position zwischen “datiim” und Reformjudentum ein.
Montag, 19. Februar 2007 um 16:41
Uh oh… Das mit dem Haussagen war ein schlechter Schachzug von mir. Offenbar entstand der Eindruck, der hätte etwas mit der Mesusa zu tun. Tut er nicht! Ein Haussegen ist einfach ein Schmuckstück mit einem Text (einem Gebet), der den Segen für das Haus bzw. Unternehmen enthält. Er ist kein Gebot sondern einfach Tradition. Eine Mezuza segnet nicht das Haus, sondern sie aufzuhängen ist ein Toragebot, das im Schma Israel (Deuteronomium?) enthalten ist. Da steht drin: “Schreibe sie dir (gemeint sind die Gebote) auf die Türpfosten deines Hauses”. Wie das genau geht, hat Miriam noch einmal zusammengefaßt. Man braucht keinen Rabbi wie gesagt.
Nochmal zu plamens Fragen:
“Was passiert, wenn Araber einziehen” In Israel leben Juden und Araber meistens getrennt voneinander, also in verschiedenen Städten bzw. Vierteln. Es kommt selten vor, daß eine Wohnung derart wechselt. Was dann passiert weiß ich nicht, aber vermutlich wird sie abmontiert. Oder sie bleibt und stört sie nicht - ich weiß es wirklich nicht. In Mietwohnungen gibt es natürlich Mesusot, wenn vorher jemand drin wohnte. Wenn sie neu ist, wird eine montiert. Dasselbe ist bei Büros.
“Gebote für Nichtjuden” Eine Mesusa ist nicht dabei. Wenn du nach “Noahide Laws” googlest, findest du die Gebote für Nichtjuden.
@beer7 Sind das Massortiim? Unter Massortiim versteht man sonst doch eher Marokkaner etc., die säkular leben aber doch viele Dinge einhalten. Ist das eine vorwiegend amerikanische Strömung?
Montag, 19. Februar 2007 um 17:35
Du hast REcht damit, dass der Begriff “masorti” in Israel nicht eindeutig ist. Haeufig wird er fuer sephardische Juden verwendet, die es nicht so genau nehmen wie die Datiim, aber sich nicht als “chilonim” definieren wollen. Diese Juden gehen an den Feiertagen (und nur dann!) in orthodoxe Synagogen. Daneben gibt es aber “masorti” Gemeinden, wohin die Gemeindemintglieder regelmaessig gehen, wo Frauen und Maenner nicht notwendig getrennt sitzen und wo ein groesserer Interpretationsspielraum gegeben ist als in der orthodoxen Gemeinde.
Montag, 19. Februar 2007 um 18:48
So wie ich das erlebt habe und kenne gibt es in Israel gar keine Gemeinden, sondern man geht einfach dorthin beten, wo man jemanden kennt, oder was in der Nähe ist (zu Fuß). Wenn du sagst Gemeinde, sind das richtige Gemeinden wie in Europa? Mit Mitgliedern usw.? Sind das amerikanische Olim, die diese Gemeinden tragen? Bei den Reformern dürfte es so sein (kenne aber keine Gemeinde).
Montag, 19. Februar 2007 um 19:39
“2. Das Judentum kennt ja Gebote für Nichtjuden. Könnte nicht so ein Gebot in der Mesusa bei mir stecken?”
Es gibt keine Gebote im Judentum für Nichtjuden, das ist ein Missverständnis.
Nach jüdischer Auffassung gelten alle Nichtjuden, die die sieben noachidischen Gesetze einhalten, als Gerechte.
“Die Gerechten unter den Nichtjuden haben ihren Platz in der zukünftigen Welt.”
Tosefta Sanhedrin XIII,2.
Die sieben noachidischen Gesetze:
Gebot der Rechtspflege
Verbot der Gotteslästerung
Verbot des Götzendienstes
Verbot der Unzucht
Verbot des Blutvergießens (Mord)
Verbot des Raubes
Verbot des Genusses eines Gliedes von einem lebenden Tiere
(siehe Sanhedrin 56a/b)
Normalerweise bleiben die Mesusot am Haus oder in der Wohnung, aber nur wenn man weiß, dass dort Juden einziehen werden, ansonsten nimmt man diese ab.
Ansonsten verstehe ich auch nicht, warum man als Nichtjude Mesusot haben sollte. Wie hier schon öfter erwähnt, gilt dies ausschließlich für Juden, denn das Gebot inklusive der Bracha ist für Juden eine Mitzwa. Natürlich kann man niemanden verbieten, diese aufzuhängen, aber dann bitte ohne Bracha.
Montag, 19. Februar 2007 um 21:03
@alle
danke für die Erläuterungen. Ich werde meine Mesusa-Fix-Idee veruschen zu verdrängen.
Montag, 19. Februar 2007 um 22:08
@Yael Sind die sieben Noahidischen Gesetze nicht auch Gebote? Die werden doch zu den 613 dazugezählt und gelten für alle, egal ob Jude oder nicht. Oder sehe ich das jetzt falsch?
@plamen Ich bin sicher du findest einen Weg, der für dich zufriedenstellend ist.
Montag, 19. Februar 2007 um 23:18
B”H
Die sieben Gesetze fuer die Noachides stehen im Talmud Sanhedrin Seite 54. Das mit der Seite ist eine ungenaue Angabe, aber es steht zwischen Seite 50 - 59. Man braucht also keine Tosefta.
Was Yael sagt stimmt. Wer als Nichtjude die sieben Gesetze einhaelt, gilt als Gerechter. Wobei er aber nur an diese sieben gebunden ist. Heisst, er muss keinen Shabbat halten oder koscher essen.
Man kann Nichtjuden nicht verbieten, jued. Gesetze (Mitzwot) einzuhalten, doch sollten Nichtjuden vielleicht wissen, dass ihnen dies vor G-tt nichts bringt.
Juden tun Mitzwot, um einen Tikun Olam (braeuchte ich jetzt Seiten, um dies genau zu erklaeren. Nur soviel, es geht um diverse Reparaturen in der Seele…..) hervorzurufen, wogegen Mitzwot (welche nur fuer Juden bestimmt sind) bei Nichtjuden nichts bewirken.
Es gibt dazu sehr viele Kommentatoren und jetzt spaet am abend faellt mir dazu nur die Meinung des Ramchal, Rabbi Moshe Chaim Luzzatto ein (in seinem Buch ADIR BAMAROM) ein.
Laila Tov erstmal - Gute Nacht
Miriam
Montag, 19. Februar 2007 um 23:57
Ja, sie sind Gebote, die alle Menschen einhalten sollten, ich meinte damit, dass es keine Gebote direkt von Juden an Nichtjuden sind, sondern Gebote die HaSchem Nichtjuden gegeben hat.
Du hast aber Recht, es sind 606 Mitzwot plus die 7 noachidischen, also 613.
Über Ruth habe ich mal gelernt, dass der Zahlenwert von Ruth 606 ist, plus die 7 noachidischen sind es dann die 613 Mitzwot.
Dienstag, 20. Februar 2007 um 9:34
Schmetterlingsfrau,
ja, richtige Gemeinden, mit Mitgliederbeitraegen, Wahl zum Gemeindevorsitzende n usw.
In dieser Weise sind auch die meisten orthodoxen Gemeinden verfasst. Wie meinst Du denn, dass die Bati Knesseth mit Gottesdiensten und anderen Dienstleistungen gemanagt werden? Du kennst anscheinend nur Leute, die sich in keiner Gemeinde engagieren.
Dienstag, 20. Februar 2007 um 9:36
P.S. Unsere Gemeinde hier in Beer Sheva wurde von US-Amerikaner gegruendet, inzwischen sind diese aber die Minderheit geworden: Es gibt ein starkes russisches Element, einige Suedamerikaner und etliche geborene Israelis.
Dienstag, 20. Februar 2007 um 15:29
Ja das ist richtig, ich kenne nur solche Leute. Die nennen sich säkular
Danke für die Info über die conservatives.