Beim nächsten Treffen mit meiner “Adoptivfamilie” habe ich gesehen, wie ein koscherer Haushalt aussieht. Dieses mußte jeder in unserer Konversionsklasse dann auch zuhause Schritt für Schritt umsetzen. In Israel ist koscheres Essen eher der Regelfall als die Ausnahme.
Ich wußte natürlich schon vor meinem Besuch bei Chana sehr viel über Kaschrut, d.h. das Einhalten der Speisegesetze. In Israel ist der überwiegende Teil des öffentlichen Eßangebotes koscher. Viele haben Zertifikate ausgehängt, d.h. das Rabbinat hat diesen Laden explizit als koscher ausgezeichnet. Aber auch solche Restaurants, die kein Zertifikat haben, bieten sehr oft nur Essen an, das als koscher gilt.

Was ist koscher? Es bedeutet, daß eine bestimmte Speise den jüdischen Speisegesetzen genüge tut, wie sie in der Thora angerissen und in den späteren Kommentaren dazu aufgedröselt wurden. Kaschrut ist eine eigene Wissenschaft. Die gröbsten Regeln lauten so:
- Bestimmte Tiere dürfen nicht gegessen werden, dazu gehören neben Meeresfrüchten, Krabben und Insekten auch das Schwein.
- Erlaubte Tiere müssen speziell geschlachtet (geschächtet) und zubereitet werden. Zweck davon ist, daß kein Blut gegessen wird. Blut gilt als tabu.
- Milch und Fleisch darf nicht vermischt werden. Das geht auf ein Zitat in der Thora zurück, welches besagt, daß man keinen kleinen Ziegenbock in der Milch seiner Mutter kochen darf.
- Für Obst und Gemüse gelten spezielle Regeln, z. B. beim Waschen (es dürfen keine Insekten mitgegessen werden). Außerdem müssen eine Reihe von landwirtschaftlichen Regeln beim Anbau eingehalten werden, z.b. das Brachjahr.
So gut wie alle Supermarktketten führen nur koschere Lebensmittel (bis auf eine für Wurst und Wodka bekannte russische). Es gibt natürlich Restaurants, die nicht koscher sind, z.B. italienische, da die italienische Küche typischerweise aus Milch und Fleisch besteht (Lasagne etc.). Auch in diesen wird man oft gewarnt, wenn man Milch und Fleisch bestellt. Ein Restaurant, das dezidiert Schwein und Meeresfrüchte serviert, ist aber sehr selten - die muß man schon gezielt suchen (oder in arabisch-christliche Teile gehen).
Es gibt in Israel verschiedene Abstufungen beim Einhalten der Speisegesetze. Völlig egal ist es fast niemandem, d.h. weder an Pesach noch an Jom Kippur irgendeinen Unterschied beim Essen zu machen, ist äußerst selten. Das Essen ist ein Punkt, bei dem jüdische Identität sich zeigt und auch nach außen getragen wird.
Die meisten gehen weiter als nur an Feiertagen: Viele würden nie Schweinefleisch im Haus haben wollen (gilt für unsere Familie eigentlich durchgehend). Aber viele essen es etwa auswärts, manche nur im Ausland. Viele essen überhaupt keine verbotenen Tiere (Hummer, Schweinesteak). Andere, vor allem Misrachim, d.h. Juden aus dem Orient, halten überhaupt insofern koscher, daß sie zwar kein Zertifikat verlangen, aber sowohl zuhause als auch auswärts nur solche Dinge essen, die grob gesagt koscher sind (Milch und Fleisch getrennt, keine verbotenen Tiere). Das nennt man üblicherweise “traditionell” (massorti). In unserer Familie gibt es einige, die das so halten.
Bis hierher war auschließlich von Chilonim, d.h. säkularen Juden, die Rede. Es ist ein ziemlicher Irrtum zu glauben, nur solche Juden mit Schläfenlocken und langen Röcken halten koscher. In Israel ist das weiter verbreitet als man denkt. Nach einem Zertifikat aber verlangen normalerweise tatsächlich nur solche, die sich explizit als religiös definieren. Auch da gibt es Unterschiede in der Strenge, verschiedene Lehrmeinungen und diverse Rabbiner als Autoritäten.
Am Umgang mit den verbotenen Speisen erkennt man, daß religiöse Gebote auch in der säkularen Gesellschaft nicht bedeutungslos sind. Das hebräische Wort für Schweinefleisch ist “weißes Fleisch”. Es ist ein Euphemismus, da das Schwein mit einem ziemlich großen Tabu belegt ist (auch dann, wenn man es ißt!). Manche sagen auch scherzhaft “das niedrige Kalb”, um auf diesen Euphemismus anzuspielen. Schweinefleisch ist sehr teuer und gilt als Delikatesse (für mich unbegreiflich, denn in Europa ist es das billigste und minderwertigste Fleisch.) Es wird in bestimmten Kibbutzim erzeugt, welche dezidiert unreligiös, sogar antireligiös, sind. Das umgangssprachliche Wort für Meeresfrüchte ist gleichzeitig ein Schimpfwort. Es bedeutet so etwas wie Ekelzeug.
Zurück zu meinem Konversionskurs. Da im religiösen Judentum vor allem Frauen kochen, mußten die weiblichen Konversionskandidaten sich besonders mit den Speiseregeln beschäftigen. (Die Männer hatten aber andere Lehrinhalte, die noch viel schwerer waren.)
Als ich Chanas Küche sah, fiel mir auf, daß der Raum ganz normal aussah. Ich konnte nichts erkennen, das irgendwie seltsam war. Die Besonderheit war im Detail versteckt: Die gesamte Küche war in zwei Teile geteilt. Die Grenze zwischen Milch und Fleisch war unsichtbar - nur die Familie wußte, wo sie war. Es gab getrenntes Geschirr und getrenntes Besteck, alles farblich und nach Mustern unterschieden. Sie hatte auch zwei Mikrowellenherde, um sich die Reinigung zu ersparen. Ein Geschirrspüler war vorhanden, aber er wurde nur für Fleisch benutzt, weil das einfacher wäre. Sie erklärte mir, daß Reinigung von Öfen, Geschirrspülern und Mikrowellenherden durchaus möglich wäre. Dazu ist ein Leerlaufdurchgang nötig. Sie würden das nicht tun.
Ich hatte erwartet, daß so ein Haushalt unglaublich kompliziert und seltsam wäre. Aber das war es nicht. Alle Familienmitglieder (auch die kleinen Kinder) waren es so gewohnt.
Eigentlich hätte ich mitkochen sollen, doch diesmal waren die Kinder schon hungrig gewesen, bevor ich kam. Ich war zum Essen eingeladen. Es gab Schnitzel und Kartoffelpüree. Bei letzterem fiel sofort auf, daß es mit Wasser zubereitet worden war. Milch ginge ja nicht, wegen dem Schnitzel. Nur das passende Geschirr wurde verwendet, und niemand dachte groß darüber nach. Es ist dasselbe, wie wenn man Kaffeetassen von Suppenschüsseln trennt - nur geht diese Trennung eben noch weiter. Selbst in der Spüle gab es zwei Schwämme und zwei Plastikeinsätze für das Becken, die verhinderten, daß die Spüle Milch oder Fleisch an anderes Geschirr weitergab.
Mein Eindruck war einerseits Verwunderung, andererseits Ernüchterung und Erleichterung. So exotisch oder gar unüberschaubar war das gar nicht! Ich stellte auch Fragen. Ich kam mir auch seltsam vor, wie ein Eindringling, oder ein Zoobesucher. Als ob ich beobachten würde. Dabei fanden sie nichts dabei, das war Alltag für diese Familie. Nach dem Essen wurde ausgiebig gebetet. Schon die kleinen Kinder konnten lange Passagen auswendig. Ein jüdisches Tischgebet findet nach dem Essen statt und ist im Vergleich zu verbreiteten christlichen Sprüchen sehr, sehr lang.
Es wurde von uns als Kandidaten erwartet, daß wir auch unsere Küche so einrichteten. Am Ende meiner Reise wurde das sogar kontrolliert. Das wird immer in sämtlichen jüdischen Foren abgestritten, aber es klingelte tatsächlich einer meiner betreuenden Rabbiner an der Tür, fragte ob mein Mann wohl zuhause wäre (mich alleine hätte er nicht besucht), und dann kam er und besichtigte die Wohnung. Küche und Mesusot (Kapseln mit Pergamentstücken an den Türrahmen) wurden kontrolliert.
Es gab auch keine Möglichkeit zu schummeln. Wir haben es wohl probiert, und es klappte nicht. Es wird schon im Kurs so nachgefragt, daß man keine Chance hat, nur so zu tun, als hätte man eine koschere Küche. So ein Übertritt ist wie ein Leben im Überwachungsstaat: Entweder man läßt sich drauf ein oder eben nicht!

Glücklicherweise sind offenbar viele Küchen in Israel schon so gemacht, daß das Trennen möglich ist. Das obere Bild zeigt eine sehr schöne Küche, die ich im Web gefunden habe. Diesen “Mittelbau” sieht man sowieso sehr oft in Israel, die physische Trennung der Hälften aber nicht unbedingt. Wir haben zwar keinen solchen Aufbau, aber dafür zwei Schranksysteme, eines links eines rechts, die als Milch und Fleisch deklariert worden sind. Außerdem hat unser Kühlschrank einen Schabbat-Modus. Aber wozu man das braucht werde ich später erklären…
Freitag, 16. Februar 2007 um 2:30
Hi - schöner Eintrag. Ist das Foto nicht McDonalds und nicht Burger King?
Freitag, 16. Februar 2007 um 13:22
Wirklich interessant und auf jedenfall nützlich für eine geplante Israel-Reise. Aber um ehrlich zu sein Kartoffelpüree mit Wasser, das schmeckt doch nicht, oder?
Freitag, 16. Februar 2007 um 13:53
@Scot gute Frage
Im Web habe ich kein Bild von Burger King gefunden, sondern nur von McDonald’s. BK ist standardmäßig koscher in Israel, McD. aber nicht - sondern nur in ausgewählten Filialen. Daher fand ich wohl das Bild mit Aufschrift.
Freitag, 16. Februar 2007 um 13:55
@micha
Keine Sorge. In guten Restaurants und Hotels schmeckt das Essen trotz Kaschrut exzellent. Es gibt pflanzliche Milchersatzprodukte, mit denen man tolles Püree machen kann. Ich war zu Gast bei einer Mehrkinderfamilie - die konnten sich diese Extras offenbar nicht leisten.
Sonntag, 18. Februar 2007 um 2:36
Mensch, Schmetterlingsfrau, isst Du nun echt keine Schweinchen mehr, nie wieder? Das schmeckt doch sooo lecker! Ich geh jetzt noch schnell runter in die Küche und nasch ein bisschen vom geräucherten Schinken
Aber mit den Insekten, dass seh ich ein, das ist wirklich eklig. Nur auf Krabben würde ich als Norddeutscher nie und nimmer verzichten wollen, die leckeren Nordseekrabben meine ich, nicht das Zuchtzeug aus Asien.
Nichts für ungut:
Ralf der Schweinefresser
Sonntag, 18. Februar 2007 um 13:53
@Ralf
Was als “eklig” empfunden wird, ist zum Großteil anerzogen, d.h. Gewohnheit. Nicht wenige Israelis ekeln sich davor, Schnitzel in Butter zu braten. Dafür ekeln sich die meisten Europäer wohl vor Hundefleisch. Es ist Gewohnheitssache. Wünsche dir guten Appetit weiterhin
Dienstag, 20. Februar 2007 um 17:21
Insekten? Es gibt Heuschreckenarten, die man essen darf.
Aber ich weis nicht mehr wleche.
Dienstag, 20. Februar 2007 um 17:41
Ich glaube das weiß keiner so genau, daher sind sie verboten. So habe ich das gehört.
Dienstag, 20. Februar 2007 um 19:11
Als Kind hab ich mal im Religionsunterricht gelernt,
woran man koshere Heuschrecken erkennt.
Ich fand das lustig weil wenn ich eine Heuschrecke
sehe, dann ist das letze was ich mich frage ob sie
kosher ist oder nicht.
Was für Merkmale das sind hab ich mittlerweile aber
vergessen.
Mittwoch, 21. Februar 2007 um 13:10
Das stimmt schon. Man weiß nicht um welche Heuschreckenart es sich gehandelt hat, daher sind sie verboten. Was ich übrigens gut finde, denn bei der Vorstellung Heuschrecken zu essen, gruselt es mir.
Sonntag, 15. April 2007 um 14:16
Tatsächlich sind Heuschrecken erlaubt, und zwar die Sorten für die es einen Minhag gibt, dass sie erlaubt sind. Die Temanim essen traditionell Heuschrecken und haben auch einen Minhag dafür, auf dieser Grundlage gibt es eine Tschuwa von R. Ovadia Yossef, der es für koscher erklärt.
Donnerstag, 26. Juli 2007 um 23:38
[...] die weder Cheeseburger noch andere Milch gemischte Produkte servieren. Der jüdische Glaube verbietet nämlich das Servieren des “Kindes (Kuh/Rind) in der Muttermilch [...]
Sonntag, 10. Februar 2008 um 19:35
ICH FINDE DIESEN AUFSATz voll cool