Was unterscheidet Kulturen voneinander? Die Sprache, die Religion, die Geschichte. Aber auch die Kleidung. Viele fragen mich, ob ich mich in Israel anders kleide. Wenn ich das bejahe, kommen meistens Nachfragen nach der Art: “Kopftuch auch? Oder nur lange Kleider?” Was die meisten nicht wissen: Der Unterschied zwischen der typisch israelischen Mode und etwa der deutschen ist nicht, daß in Israel alle herumrennen wie Klosterschülerinnen, sondern im Gegenteil.
Der Unterschied im Körperbild hat wahrscheinlich mit dem Klima zu tun. In allen warmen Gegenden ist die Mode pfiffiger und sexier (auch in Italien, Griechenland oder der Türkei). Ich spreche natürlich nicht von religiös lebenden Minderheiten, sondern vom Durchschnittsbürger. Auch die Körperpflege folgt höheren Standards, da durch die luftige Kleidung mehr Haut zu sehen ist. Und diese mag glatt und gepflegt sein. Das durfte ich am Anfang meines ersten Israel-Urlaubs mit der Familie meines Freundes - im wahrsten Sinne des Wortes - hautnah erleben.
Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals als Jugendliche oder junge Frau an den Achseln rasiert zu haben. Ich trug nie Kleidung, bei der man sie überhaupt sah, und selbst im Schwimmbad war es nichts, das irgendwie Aufsehen erregte. Gut, das ist einige Jährchen her, als die 68er wohl noch ihre langen Nachwehen hatten, aber ich sehe auch jetzt noch Frauen in diesen Breiten, die unrasierte Achseln haben (offenbar ist es sogar ein neuer Trend - siehe Bild Julia Roberts!).

Nicht so in Israel! An meinem ersten Tag, als ich gerade angekommen war, war es sehr warm. Ich hatte nichtmal Blusen dabei, die keine Ärmel hatten. So bekam ich eine geborgt. Nicht im Traum dachte ich an meine Achseln. Irgendwann, als wir draußen spazierten, sagte die Mutter von meinem Freund sehr deutlich und für alle im Radius von zehn Metern Umstehenden vernehmbar: “WAS? Du rasierst dich nicht? Um Himmels willen, sogar die Männer haben das gesehen!!” Es war eine Reaktion, als hätte man mir gesagt, ich hätte mir in die Hose geschissen. Ich habe mich derartig geschämt, daß ich den Rest des Tages mit angewinkelten Armen verbrachte.
Etwas, das es garantiert nicht gibt in Israel, das sind nicht nur Achselhaare, sondern Taktgefühl.
Die weitere Verwandlung fand eher still statt. Auf meiner ersten Bar Mizwa-Feier wurde ich eingekleidet, so, als ob ich noch einmal 15 sein durfte. Mir das hat ungemein gefallen. Ich häufte nach und nach immer mehr israeltaugliche Textilien an, bis die Klamotten, die ich ursprünglich mitgebracht hatte, ihre Funktion als Pyjama weitererfüllten.
Dann Jahre später, bei meinem ersten “Heimaturlaub” im Sommer fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Du meine Güte, die Frauen laufen hier rum wie ihre eigenen Großmütter! Während in Israel die Großmütter rumlaufen wir ihre Enkeltöchter. Der Unterschied ist so extrem, daß jedesmal wenn ich einen Accessoireladen mit Modeschmuck etc. betrat, ich das Durchschnittsalter um 10 Jahre anhob. Ich wurde auch regelmäßig geduzt. Und das nur wegen der Kleidung, ein wenig Farbe in den Haaren und langen, bemusterten Nägeln.

(Nein, das bin nicht ich - Emails bitte sparen.) Ich frage mich manchmal, was man davon hält. Wahrscheinlich halten sie meine Schwiegermutter für eine Schlampe. Sie läuft rum, wie in Deutschland nur eine Bardame oder Nageltante aussehen könnte.
Wir kriegen regelmäßig Besuch aus “Übersee”. Verwandte von mir, oder Freunde, oder Bekannte auf der Durchreise oder auf Urlaub. Das sind alles Deutschsprachige, d.h. Deutsche, Österreicher und Schweizer. Und ich muß sagen: Die Vorurteile über deutsche Touristen (und die anderen ebenfalls) sind leider nicht alle frei erfunden. Es scheint doch allgemein so üblich zu sein, daß sobald man auf Urlaub ist, aller guter Geschmack zuhause gelassen wird. Die Leute lassen sich gehen und ziehen sich Sachen an, die für die Gartenarbeit passen würde. Da gab es Leute, für die ich mich genieren mußte, weil sie entweder nach Schweiß stanken oder Kleider trugen, die so aussehen, als hätten sie darin geschlafen. Frauen dabei prinzipiell in Männerkleidung. Einmal, als Bekannte von mir abreisten, - alles war bereit, die teuersten Koffer standen in der Fünfstern-Lobby, und sie saßen in den breiten Sesseln in ihren ausgewaschenen Aufdruck-Shirts, ausgeleierten Trainingshosen und weißen Socken in Sandalen - bekam die Dame ein Parfüm als Geschenk. Die anwesende freche Cousine meines Mannes, damals noch ein Kind, platzte heraus: “Die sehen aus, als wüßten sie nicht, was ein Parfüm ist.”
Oh du liebe Güte. Aber immerhin haben sie es nicht verstanden - nicht so wie ich und meine Julia-Roberts-Achselhaare.

Dienstag, 13. Februar 2007 um 21:37
ROFL… ich war jetzt ganz enttäuscht, dass dieser Bericht schon zu Ende ist. Ich könnte noch stundenlang weiterlesen.
Zum Thema Achselhaare: Ich habe mir die schon immer entfernt, aber das erste Vorurteil, das ich über Deutsche bzw. Österreicher hören musste war genau das: “Die rasieren sich die Beine und Achseln nicht!” Das kam gleich nach: “Die essen Schwein!”.
Schön gezupfte Augenbrauen und Enfernung des Damenbarts sind auch sehr wichtig. Darauf wurde ich auch schon angesprochen und seither quält man mich regelmäßig mit Heisswachs!
Das mit der Urlaubskleidung deutscher Touristen stimmt auch. Am schlimmsten finde ich die dummen Hüte.
Mein Vater ist da voll cool. Oakley Sonnenbrille und No Fear Käppchen. Er wurde oft auf Hebräisch angesprochen. Nur die Tennissocken in den Sandalen haben ihn verraten…*GG*. Meine Mutter, die sich trotz ihrer 50 noch super kleidet, war hier aus den Geschäften nicht mehr rauszukriegen. Sie findet die israelische Mode voll cool.
Dienstag, 13. Februar 2007 um 21:46
B”H
Ich habe mich ueber deine Saetze mit den Achselhaaren fast totgelacht.
Ja, das kenne ich auch. Ich habe zwar noch nie so kurze Shirts angezogen, doch habe ich Haare an den Beinen und viele meinte, igitt und wie ich nur so herumlaufen koenne. Sowas rasiert man schliesslich ab. Ich dachte immer, das machen Amerikaner, wurde aber eines besseren belehrt.
Allerdings halten tue ich mich daran nicht.
Eine belgische Freundin und ich haben immer voll abgelaestert, wenn sich die Israelinen so auftakeln. Ich bin jetzt mal rassistisch und sage, vor allem die Marokkanerinnen. Irgendwie wollen alle europaeisch aussehen, stellen aber das genaue Gegenteil dar.
Das mit den dt. Touristen habe ich noch nicht erlebt. Ich finde schon, dass sie sich normal anziehen.
Miriam
Dienstag, 13. Februar 2007 um 22:29
Na wenn sie europäisch aussehen wollen, sollten sie sich in Schlabbershirt und Männerjeans stecken
Wasserstoffblonde Haare machen eben noch keinen Europäer!
“Auftakeln” tun sich aber alle - du solltest meine Schwiegergroßmutter in roten Plattform-High-Heels sehen!
Aber ich find das super. Warum soll eine Frau ab 30 sich mausgrau kleiden müssen?
Mittwoch, 14. Februar 2007 um 9:19
B”H
Mit auftakeln meine ich eine ganz bestimmte Art unter weibl. Jugendlichen oder denen um die 20 Jahre alt.
Miriam