Die Beziehungen zwischen Israelis und Deutschen werden meistens auf das Thema Schuld und Holocaust reduziert. Die deutschen Umfrageantworten sind widersprüchlich.
Eine neue Studie soll - darauf hat Lila hingewiesen - verbesserte Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis zeigen:
Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge ist die gegenseitige Wertschätzung in den vergangenen 15 Jahren signifikant gestiegen. [...] Auch ist in den vergangenen 15 Jahren die Zahl der Deutschen deutlich gewachsen, die sich schämten, dass Deutsche so viele Verbrechen an den Juden begangen haben, und die auch keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollten. [...] Umgekehrt sei bei Deutschen das Verantwortungsgefühl für das jüdische Volk gewachsen. Einen Beleg dafür sehen die Forscher darin, dass die Deutschen im Nahostkonflikt mehrheitlich Partei für Israel ergreifen.
Das ist sehr verwunderlich. Die Forscher sollten ein beliebiges Politikforum im Internet aufsuchen oder die Leserbriefspalte einer beliebigen Tageszeitung lesen. Dieses Partei-Ergreifen sieht dann konkret nämlich so aus:
80 Prozent der Israelis und 72 Prozent der befragten amerikanischen Juden befürworteten einen militärischen Schlag gegen Iran, wenn dieser eine Atombombe bauen sollte. Doch nur 32 Prozent der Deutschen hielten einen entsprechenden Militärschlag für gerechtfertigt.
Zwei Drittel der Deutschen finden also nichts dabei, angesichts der Auslöschungsdrohungen des Iran in Richtung Israel nichts zu unternehmen, um den Iran zu stoppen, sollten sie unmittelbar möglich werden (der Besitz der Atombombe ist damit gleichzusetzen). Das ist die Solidarität, die man kennt: Jammern und trauern beim Pflichtbesuch in Jad Waschem, Schamgefühle, Schuldgefühle. Kranzniederlegungen für die toten Juden, aber Schwanz einziehen, wenn es um lebende geht.
Die Ursachen werden auch erklärt:
Stephan Vopel, Projektleiter der Bertelsmann-Stiftung, verweist auf Gründe der Diskrepanz bei der Beurteilung politischer Fragen: “Deutsche und Israelis besitzen aufgrund der historischen Erinnerung, aber auch wegen ihrer ganz anderen politischen Realität völlig andere politische Kulturen. Daraus resultieren auch stark unterschiedliche Schlussfolgerungen für den Umgang mit Konflikten. Während es für die Israelis heißt ‘nie wieder Opfer’, lautet die Maxime der Deutschen ‘nie wieder Krieg’.”
Mit denselben Worten habe ich hier die unterschiedlichenHaltungen zum Militärischen beschrieben. Diese deutsche Maxime führt in bezug auf die Haltung zu Israel in eine Sackgasse: Einerseits wird die Vergangenheit in Form von Schuld und Scham vor toten Juden kultiviert, vor allem in Ritualen wie hier beschrieben, andererseits wird die Realität der Gegenwart ignoriert und lebedige Juden ihrem Schicksal überlassen. Lieber soll Israel untergehen als ein Deutscher eine Waffe anrührt.
Zum Schluß sollte ich die Frage beantworten, was ich persönlich davon halte. Wie gehe ich damit um, als Nachgeborene in Israel zu leben und de facto Israeli zu sein? Auf welcher Seite stehe ich? Das ist eine gute Frage. Bei diesem Thema fühle mich eigentlich nicht in erster Linie als Israeli, denn die angesprochene Geschichte (Holocaust) und daraus resultierende Betroffenheit teile ich nicht - und wenn, dann nur empathisch. Wäre ich interviewt/befragt worden, hätte man mich natürlich unter den Deutschen einsortieren müssen, aber meine Antworten wären nicht authentisch gewesen. Sie wären unter Umständen als sogar neofaschistisch ausgelegt worden, denn eine Frage nach Scham und Schuld hätte ich rundwegs abgelehnt: Ich hatte so etwas natürlich, als sensibler Mensch geht es gar nicht anders, aber nur etwa so lange bis ich den Großvater meines Mannes kennenlernte und aus der anonymen Masse von toten Juden ein einziger lebender wurde, der in allen Kriegen Israels gekämpft hat. Dafür wäre ich bei der unsäglichen Umfrage für einen Angriff auf den Iran gewesen. Ohne wenn und aber, mit deutscher Beteiligung, aber nicht aus Pflicht gegenüber Israel, sondern aus purem Eigennutz.
Umgekehrt gilt natürlich das gleiche. Mich dürfte man nicht über Deutsche befragen, nicht als Israeli. Als Antwort wäre nämlich gekommen, daß nicht deutsches Nationalgefühl Ursache für israelisches Mißtrauen sein soll sondern das völlige Fehlen eines solchen. Erst wenn deutsche Fahnen wehen und alle außer Nazis und Nationalisten in ehrlicher und natürlicher Freude über ihr Land stolz darauf sind, dann wird es auch eine Entspannung und “Entkrampfung” in der Haltung zu Israel geben.
Montag, 12. Februar 2007 um 7:08
Nun, ich bin mir nicht sicher, daß es die “Auslöschungsdrohungen des Iran in Richtung Israel” je gegeben hat. Vgl. hier: http://www.globalresearch.ca/PrintArticle.php?articleId=4527 - auch: http://memri.org/bin/articles.cgi?Page=countries&Area=iran&ID=SP101305
Montag, 12. Februar 2007 um 13:03
Ich auch nicht, aber als hier lebend glaube ich den Gerüchten lieber.
Montag, 12. Februar 2007 um 22:38
Dein Risiko, weit mehr als meines! (Nicht daß die destabiliesierende Wirkung möglicherweise sinnloser Eskalation Europa nicht träfe, aber für Israel ist das von unmittelbarerer Relevanz.)
Ich bin erst gestern abend auf dieses Thema gestoßen, aber nachdem die Übersetzung bei MEMRI das Urteil bestätigt, schien es mir nicht falsch, darauf hinzuweisen. Schon daß Ahmedinidschad den von ihm gewünschten Fall “des Jerusalem okkupierenden Regimes” mit dem Fall des Schahs und dem Fall der Sowjetunion parallelisiert, läßt eigentlich nicht an die Drohung von Krieg oder gar Genozid denken.
Inzwischen habe ich mich vergewissert, daß es tatsächlich die zitierte Rede ist, auf die alles zurückgeht. Bei Wikipedia gibt es natürlich wilde Diskussionen über die Übersetzung. Rationaler wirkt auf mich dabei, soweit ich das überflogen habe, die Seite, die die verbreitete Übersetzung zurückweist. Ein New-York-Times-Artikel zum Übersetzzungsstreit ist nur für eine gewisse Summe Geldes zu lesen, so daß ich im Moment darauf verzichte. Hinweise auf seinen Inhalt finden sich bei Wikipedia und hier:
http://commentisfree.guardian.co.uk/jonathan_steele/2006/06/post_155.html
- nebst Erwägungen des Kommentators zur Sache, natürlich. Konsens scheint darüber zu bestehen, daß Ahmadenidschads Äußerung nicht von Landkarten o. dgl. spricht, sondern von der Zeit.
Samstag, 17. Februar 2007 um 20:10
Naja, AntiIsrael-Haltung anhand der fehlenden Bereitschaft zum militärischen Erstschlag gegen den Iran festzumachen, ist reichlich irreführend. Mit dieser Argumentation bringst du zum Ausdruck, dass man entweder für Israel (und seine Vorherrschaftsansprüche) ist oder für die Auslöschung Israels - tatsächlich gibt es sehr viele Graustufen dazwischen.
Was die Drohbegärden des iranischen Präsidenten angeht, so nimmt sich Israel auch nicht sehr viel. Olmert hatte bereits mitgeteilt, dass er eigentlich an Groß-Israel glaubt, aber eben nur aus pragmatischen Gründen eine Verkleinerung hinnimmt. Drohungen in Richtung Syrien (Überflüge) und Iran (Pläne zum Angriff von Atomkraftwerken) ist bereits erfolgt und ist auch durch die Vergangenheit Israels (Angriffe auf Irak, aber auch auf den Libanon etc..) weit wahrscheinlicher als ein Erstschlag Irans.
All das natürlich, wenn nicht die USA ihnen zuvorkommt und den Iran angreift..