Der Wahnsinn der Interkulturalität - Teil 3: Interreligiosität auf dem Prüfstand

Zugegeben, es gibt viele dumme Leute, die glauben Israel wäre ein islamisches Land. Sie fragen mich, ob ich einen Schleier tragen müßte und als Frau nicht unterdrückt werde. Das ist natürlich nicht so. Israel ist ein jüdisches Land, und was hier unterdrückt wird, das sind unerwünschte Geschenke.

Als ich mich entschloß in Israel zu leben, war irgendwann klar, daß wir keine bi-religiöse Familie haben wollen. Diesen Wunsch mag man aus egoistischen Gründen zwar hegen (”Die sollen mich akzeptieren wie ich bin!”), aber in Anbetracht möglicher Kinder halte ich das für fahrlässig. Kinder sollten in einer Umgebung aufwachsen, in der sie sich sicher fühlen. Dazu gehört auch eine Kultur und grundlegende religiöse Werte. Zwei Religionen auszuüben und widersprüchliche Botschaften zu senden fanden wir beide problematisch. Noch dazu hat man in Israel grundsätzlich eine andere Einstellung zur eigenen Tradition als anderswo, wo Religionen und Kulte sich so beliebig aussuchen und wechseln lassen wie die neueste Mode, und wo es innerhalb ein und derselben Familie verschiedenste Kulte gibt. Für mich war ziemlich bald klar, daß es für mich kein langes Hin und Her geben würde. Entweder ich entscheide mich dafür, mich nicht nur meinem Mann sondern seinem Land anzuschließen oder eben nicht. Dazu gehört bei diesem speziellen Land eben auch eine einzige, bestimmte Religion - und in diesem Falle insbesondere eine negative Religion, d.h. der Verzicht auf fremde Religionen, die mit dem Judentum nicht vereinbar sind. Ein nichtjüdisches Kind wird außerdem angeblich in der Schule gehänselt. Ich habe viel zu viele Geschichten gehört, um dieses Risiko einzugehen, nur um irgendwem zu zeigen, wie tolerant die Gesellschaft doch ist (ist sie gar nicht - jedenfalls nicht mehr und nicht weniger als anderswo) und wie standhaft ich bin.

Aus allen diesen Gründen - wobei die Liste wahrscheinlich nicht vollständig ist - bin ich Jüdin geworden.

Das bedeutet für mich zwar nicht, daß ich täglich bete, aber es hat einen Einfluß auf das Leben, auch insofern, daß ich weiß wohin ich gehöre und wohin nicht.

Weder mein Mann noch seine Familie sind in irgendeiner Weise fanatisch oder christentumsfeindlich. Ich würde eher das Gegenteil sagen. Seine Mutter ist äußerst interessiert und sehr positiv dazu eingestellt. Sie ist es, die jedes Jahr Weihnachtsgeschenke an meine Familie sendet. Wenn irgendjemand in ihrer Umgebung einen dummen Kommentar über Christen macht, rastet sie richtig aus und reibt demjenigen unter die Nase, ich wäre konvertiert, und er sollte sein Maul halten (was mir nicht gefällt! Aber sie tut es in guter Absicht.) Niemand hat ein Problem damit, Kirchen zu besichtigen. Seine Großeltern waren im Vatikan und waren sehr beeindruckt. Sollte eine Hochzeit in meiner Familie anstehen (ich wünsche es mir!), würden sie selbstverständlich als Gäste kommen, sollte diese in einer Kirche stattfinden - genauso wie meine Familie zu meiner Hochzeit gekommen ist, welche eine jüdische Zeremonie war. Da gibt es überhaupt keine Frage - das ist eine Sache des gegenseitigen Respekts!

Dennoch gibt es ein paar Punkte, die Juden eben nicht machen. Ich weiß nicht ob es reiner Aberglaube ist oder tatsächlich etwas Religiöses dahintersteckt, aber beispielsweise würde mein Mann nie schlafen, wenn an der Wand über ihm ein Kreuz oder ein Heiligenbild, eine Ikone oder ähnliches hängt. Das gilt auch für seine Verwandten. Als wir auf Urlaub in Österreich waren (dort gibt es überall Heiligenstatuen aus Holz), haben er und seine Eltern vor dem Schlafengehen alle Bilder und Kreuze entfernt, und sie am Morgen wieder feinst säuberlich in Position gebracht, damit der Vermieter des Fremdenzimmers es nicht merkt und nicht beleidigt ist.

Das bedeutet natürlich auch, daß Geschenke mit christlichen Symbolen undenkbar sind. So etwas würden wir nicht in der Wohnung haben wollen. Darunter fallen vor allem Kreuze. Gegen kulturelle Objekte habe ich nichts, z.B. Ostereier. Die sind einfach hübsch und ein Andenken.

Die Mehrheit meiner Familie ist nicht religiös, eher im Gegenteil. Eigentlich sind alle, die in meinem Leben eine Rolle spielen, meiner Entscheidung hier zu leben aufgeschlossen gegenüber und dem Land zugetan (jedenfalls aus kultureller Hinsicht - aus politischer sieht es anders aus, denn da regiert oft die Angst). Ich bekomme regelmäßig Besuch. Vor allem meine Großmutter ist immer bestens informiert, welche Feiertage gerade sind. Sie ruft sogar immer passend an. Sie liest auch Bücher und bildet sich fort.

Ich habe aber einige wenige Verwandte, die sehr traditionell und religiös sind. Das hat auch damit zu tun, daß dieser Teil der Familie aus Italien stammt. Die italienische Kultur ist ein wenig wie Israel: Die Religion und Tradition wird sehr ernst genommen (auch dann, wenn man selbst nicht gläubig ist). Und genau von dieser Seite bekamen wir ein Geschenk zur Hochzeit, das alle wildesten Erwartungen gesprengt hat: Eine Brautkerze mit unseren beiden Namen darauf - und dazu ein Kreuz über die gesamte Länge. 8O

wc.jpg

Ich war ziemlich sprachlos und wußte erst gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Auseinandergesetzt haben wir uns mit dem Ding auch erst, als die Eingeladenen schon abgereist waren. Erst dann habe ich es meinen Schwiegereltern gezeigt. Eine Szene ist so glücklicherweise vermieden worden - denn ich habe nicht erwartet, daß die Reaktionen doch so heftig ausfielen. Ich dachte, es wird ihnen einfach egal sein, wir stellen sie irgendwo in einen Schrank, und die Sache ist vom Tisch. Aber nein. Es war ein kleinerer Skandal, um es freundlich auszudrücken. Die Welt schien unterzugehen, und die zukünftigen Kinderlein wurden bereits im Taufbecken halluziniert. Meine Schwiegermutter war den Tränen nahe.

Das Problem wurde akut, als ich anrufen sollte und die Sache aufklären. Denn wir wollten sie auf keinen Fall behalten. Und das sollten sie wissen und verstehen, am besten jetzt, und nicht erst dann wenn Kinder da sind und es im Dezember Krippen per Post gibt. Aber das ist schwierig. Natürlich ist klar, daß man das so auf keinen Fall der eigenen Familie ins Gesicht sagen kann. Ich konnte sie nicht derart vor den Kopf stoßen. Erstens ist es eine Frechheit und Respektlosigkeit, und zweitens würde man damit den Eindruck erwecken, in irgendeiner Weise haßerfüllt, fanatisch oder gar “missioniert” worden zu sein. Niemand will sein Kind an eine andere Kultur oder Religion verlieren. Das wovor meine Schwiegermutter Angst hatte, genau davor hatte auch meine Familie Angst! Daß eine weitere Kultur angenommen wird ist wohl in Ordnung, aber die eigene Familie abzulehnen ist grausam. Was würde umgekehrt passieren? Ich glaube ein jüdisches Kind, das keine Davidsterne in der Wohnung haben möchte, würde verstoßen werden.

Aber ich weiß ja: Man kann das nicht vergleichen. Für einen Christen gibt es keinen Grund, diese Symbole abzulehnen (im Gegenteil - viele stehen darauf), aber für Juden sind Anbetungsobjekte überhaupt, und insbesondere Symbole anderer Religionen eine Sünde, die ich auch ernst nehme. Das ist wie der Kultur ins Gesicht zu spucken, die man freiwillig angenommen hat. Ich erzähle auch niemandem bereitwillig über Israel und mein Leben und esse vor seinen Augen ein Schwein. Oder benutze ein Gebetbuch als Briefbeschwerer. Es hätte einen respektlosen Touch. So etwas tut man einfach nicht. Und doch gibt noch einen kleinen qualitativen Sprung zwischen einem Cheeseburger, einem Gebetbuch und dem Aufhängen von Kreuzen, noch dazu mit dem Namen meines Mannes! Meinen Namen sollen sie schreiben, das wäre zwar auch respektlos meiner Entscheidung gegenüber, aber noch gar nichts gegenüber dem Namen von meinem Mann, welcher als Jude geboren wurde. Dieses Kreuz war von einem anderen Kaliber als etwa eine Weihnachtskarte. Das mag ein Religiöser nicht einsehen, aber aus unserer Perspektive ist es so.

Dummerweise sah meine Familie das auch nicht ein. Mir ist immer noch nicht klar, was sie sich dabei gedacht haben. Es hätte durchaus auch wunderschöne Brautkerzen ohne Kreuz gegeben, also war das Geschenk wohl nicht nur aus Unwissenheit ausgewählt worden. Aber das war eine reine Vermutung. Es folgte ein sehr schweres Telefonat. Anfangs haben sie mich überhaupt nicht verstanden und den Hörer eingehängt. Ich habe dann eine Email geschrieben und lange und breit erklärt, warum es wichtig ist, daß man die Kultur des Landes respektiert, in dem man lebt. Da sie Ausländer in ihrer Nachbarschaft haben, die ihre Kinder in den christlichen Kindergarten schicken (!), haben sie das aber dann durchaus eingesehen. Man kann nicht von anderen Dinge verlangen, die man selbst nicht zu tun bereit ist.

Es passierten auch noch andere Kleinigkeiten, und zwar als ich auf Besuch bei diesem Teil der Familie war. Als ich zum Essen eingeladen war, gab es zufällig Schweinesteak. Obwohl sie wußten, daß ich das nie mochte. Sie hätten mir ja auch Schinken anbieten können (welchen ich immer sehr gern gehabt hatte), aber nein, es mußte Steak sein. Natürlich lehnte ich ab. Es folgten Testfragen, ob ich wohl immer noch Schwein essen würde? “Schon, oder? Oder?!” Das hat mich maßlos geärgert. Ich habe nicht auf diese Provokation reagiert, sondern einfach gesagt, daß es mir nicht schmeckt.

Damals habe ich mir geschworen, bei nächster Gelegenheit bei einem Kostümverleih ein paar passende Kleidungsstücke auszuleihen, und beim nächsten Besuch so aufzukreuzen wie zu Purim, einen Pelzturban mit angeklebten Locken für meinen Mann und eine häßliche Perücke für mich…

has.jpg

Am Ende haben sie es glaube ich doch akzeptiert. Es ist eben wichtig für die Familie, daß sie nicht das Gefühl haben, daß sie verraten oder verlassen werden. Sie müssen auch sehen, daß ich mich nicht als Person verändert habe. Ich kann es schon verstehen, daß sie das sorgt. Nur die Methoden des Testens und Provozierens haben mich gestört.

Wir schicken nach wie vor Geschenke zu Weihnachten, aber wir bekommen keine. Ganz nett finde ich, daß regelmäßig im Frühling eine Grußkarte zum “Frühlingsfest” kommt. So gibt es doch einen Berührungspunkt, der für alle einen Sinn ergibt.

Eine Antwort hinterlassen