Ein alter philosophischer Streit dreht sich um die Frage, was zuerst da ist, die Sprache oder das Denken. Ich für meinen Teil habe die Antwort gefunden: Es ist die Sprache.
Man denkt immer in jener Sprache, die gerade im Gehirn aktiv ist. Denken ist wie Probesprechen: Ich denke immer in der Sprache, in der ich sprechen würde, wenn meine Gedanken ein Publikum hätten. Schwieriges Thema, aber für mich Alltag.
Als ich hierher kam, hatte ich nur ganz oberflächliche Kenntnisse über die hier gesprochene Sprache, Hebräisch. Ein paar Floskeln hatte ich mir angeeignet, ein paar einfache Sätze konnte ich sagen, und mühsam konnte ich lesen und schreiben (es war mehr malen als schreiben). Alle diese “Kenntnisse” waren aber ziemlich nutzlos, sobald ich mich in einem Alltag wiederfand, der fast ausschließlich hebräisch war.
Mit meinem Freund sprach ich von Anfang an auf Englisch. Daran hat sich bis jetzt auch nichts geändert, obwohl ich fließend Hebräisch spreche. Wenn wir alleine sind, sprechen wir nach wie vor Englisch. Es ist unsere private Sprache, die im Laufe der Jahre etliche “Besonderheiten” (d.h. Falschheiten, die sich festgesetzt hatten) entwickelt hat.
Da fast alle in unserer Umgebung ebenso Englisch sprechen (Verwandte, Freunde) hatte ich große Schwierigkeiten, überhaupt Hebräisch zu lernen. Es gab keinen Grund! Die meisten Fremden waren auch eher begeistert, mit mir in Englisch sprechen zu dürfen als mir Hebräisch beizubringen. (Dabei ist Englisch gar nicht meine Muttersprache.)
Erst der Anfänger-Ulpan (Hebräischkurs) und der Kontakt mit Kindern hat mich dazu gezwungen, die Sprache zu lernen.
Was mir auch große Schwierigkeiten bereitete waren Fernsehen und Kino. In Israel gibt es keine Synchronisationen. Das ist nicht etwa deswegen so, weil es kein Geld dafür gibt, sondern weil die Filmkultur dieses nicht zuläßt. Während in vielen Ländern Europas Beuntertitelung als rückständig gilt, ist hier Synchronisieren ein Zeichen kultureller Ignoranz und wird höchstens für Kindertrickfilme und Werbungen akzeptiert. Sprich, ich mußte plötzlich sämtliches Kino und Fernsehen im Original ohne Untertitel verstehen lernen. Und das war schwierig. Hebräisches Fernsehen konnte ich sowieso nicht verstehen, aber dann auch noch bei Filmen und Serien nur die Hälfte mitzubekommen war sehr frustrierend. Es hat lange gedauert bis ich mich daran gewöhnt hatte. Inzwischen kann ich Synchronisationen nicht mehr ertragen, da sie so künstlich und geradezu lächerlich wirken. Hebräisches Fernsehen wirklich aus eigener Lust zu sehen kam erst nach vielen Jahren. Davor saß ich einfach dabei, wenn die anderen fernsahen, ohne viel zu verstehen (aber am Ende hat genau das mir die Sprache nähergebracht, mehr als alles andere wahrscheinlich.)

Am Schwierigsten am Hebräischen ist die andere Schrift. Es ist ein großer Umstieg. Handschrift gelingt ziemlich bald, aber das Tippen am Computer (wer schreibt heute schon noch mit der Hand?) bedeutet das komplette Einstudieren einer neuer Motorik. Und das ist eine richtige Aufgabe. In lateinischen Buchstaben tippe ich schneller als ich spreche, aber auf Hebräisch ist es zähe und langsam. Andererseits sehe ständig ich bei anderen Leuten, wie sie auf Englisch in der Adler-Methode schreiben und sogar beim Lesen Probleme haben. Insofern habe ich sogar einen Vorteil gegenüber jenen - denn Englischkenntnisse (gerade am Computer) sind sehr wichtig.

Es hat lange gedauert, bis ich einigermaßen sicher lesen konnte. Niemand der es nicht kennt, kann sich auch nur im entferntesten vorstellen, was das für ein Gefühl ist, wenn man Analphabet ist. Vor Formularen hatte ich die größte Panik, und sehr oft habe ich um Hilfe gebeten. Das Glück ist nur, daß dieses Unwissen hier völlig akzeptiert wird und man keine Ausreden erfinden muß wie etwa “ich habe die Brille vergessen”, noch gibt es Grund, sich dafür zu schämen. Denn sehr, sehr viele Menschen hier haben eine andere Muttersprache als das Hebräische, ich glaube es ist ein Drittel. Den Druck, den ein Muttersprachen-Analphabet spürt, kann ich aber gut nachvollziehen. Es ist das Gefühl von Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit. Eine Reise in ein Land, dessen Schrift ich nicht lesen kann, würde mich wahrscheinlich in Panik versetzen!
Eine Besonderheit der Hebräischen Sprache ist die Schriftrichtung. Man schreibt von Rechts nach Links. Das bedeutet, daß auch alles, was mit Schrift zu tun hat, spiegelverkehrt ist. Bücher klappt man auf der linken Seite auf, Fotoalben beginnen andersherum und CDs haben den den Falz rechts. Natürlich ist der Start-Knopf in Windows rechts unten, und ein hebräisches Betriebssystem ist graphisch spiegelverkehrt. Das bedeutet, daß die komplette Motorik von Maus und Keyboard, und der visuelle Eindruck des Bildschirms auf den Kopf gestellt wird. (Da mein Gehirn den ständigen Umstieg offenbar nicht will - bis zu Kopfschmerzen - benutze ich nach wie vor das englische Windows).

In diesem Zusammenhang ist mir völlig schleierhaft, warum es Schreibgeräte für Linkshänder gibt. In Israel sind Rechtshänder insofern Linkshänder, daß sie ebenso andersherum schreiben. Und das ist die Mehrheit. Aber niemand kauft spezielle Schreibgeräte. Sogar Federhalter werden ganz normal benutzt.
Mehrsprachigkeit ist für mich Realität. Mit verschiedenen Menschen spreche ich verschiedene Sprachen. Leider spreche ich fast nie Deutsch, weil ich dazu fast keine Gelegenheit habe. Ausnahmen sind Telefonate. Schon nach relativ wenigen Jahren bemerke ich, daß mir die Sprache manchmal aus den Händen gleitet. Ich schreibe sehr viel, da es mir Gelegenheit gibt mich auszudrücken, aber mündlich kommt es oft vor, daß ich nach Worten suche, einen Satz nicht korrekt zu Ende bekomme oder Wörter verwechsle. Wenn ich meine Familie anrufe, ist es weniger drastisch, da wir unseren Dialekt haben und ich mich damit sehr wohlfühle. Schwieriger sind offizielle Anrufe, etwa bei Behörden, also immer, wenn ich gezwungen mich, korrekt zu formulieren. Manchmal muß ich vor so einem Anruf richtig durchatmen und mich sammeln, da ich das Gefühl habe, ich könnte wieder eine Art Blackout haben. Das klingt verrückt, ist aber völlig normal. Als ich das letzte Mal auf Heimaturlaub war, habe ich direkt am ersten Tag eine Fahrkarte für den Zug gekauft. Als ich in der Warteschlange stand, mußte ich mir Wort für Wort überlegen, was ich jetzt sagen werde. Dieses Gefühl vergeht nach einigen wenigen Stunden wieder, aber es ist schon erschreckend.
Einen Akzent habe ich auf Deutsch wohl nicht bekommen (es hat mir noch niemand gesagt), aber wenn ich andere Menschen höre, die schon seit Jahrzehnten in Israel leben, habe ich manchmal ein mulmiges Gefühl. Es ist, als ob die Heimat zu einem Ort wird, der immer mehr einer Art Atlantis gleicht. Sie entgleitet einem irgendwie, und die Sprache ist das größte Indiz.
Manche fragen auch wie das ist, mit dem Träumen. Träumt man in mehreren Sprachen? Ja, ich tue das. Ich träume immer in der Sprache, die zu den Personen oder Orten paßt, die im Traum vorkommen. In einer unbekannten Sprache habe ich aber noch nie geträumt, und wenn, dann gab es keine Untertitel!
Montag, 5. Februar 2007 um 21:02
B”H
Ich stimme Dir zu: Vor allem die Schrift ist eine Umstellung.
Aber sobald ich einige Tage Ulpan hinter mir hatte, ging es. Heute faellt es mir gar nicht mehr auf.
Traeumen tue ich auch Orten und Personen zugepasst. Ist irgendwie schon komisch….
Und den Akzent werden wir in unserem Alter eh nicht mehr los. Stoert mich auch nicht. Jeder hat ja irgendwo seinen Akzent und seien es nur Marokkaner.
Was ich total hasse ist das WORD - Microsoft Programm auf Ivrit. Da dreht sich staendig alles um und ich verschwende viel Zeit mit Berichtigungen.
Leute, die kein Ivrit lernen und sich auf ihr Englisch verlassen, kann ich nicht verstehen. Wenn ich in einem Land lebe, dann will ich wenigstens wissen, was los ist. Mittlerweile aber sehe ich, dass sogar mehr Amerikaner Ivrit lernen, was schon ein Fortschritt ist.
Miriam
Montag, 5. Februar 2007 um 23:50
Mit Akzent war ein hebräischer Einschlag im Deutschen gemeint (hab es ausgebessert). Auf Hebräisch habe ich natürlich einen Akzent! Auf Englisch auch, und zwar einen hebräischen
Das ist schrecklich!
Donnerstag, 8. Februar 2007 um 11:43
Es gibt ja so viele Arten Meschuge zu werden….
Mehrere Sprachen zu können gehört bestimmt auch dazu.
Vor allem wenn jede Sprache ihren “Ort” hat.
Ich musste schon sehr lachen als Du von Deinem
Familientreffen geschrieben hast das kenn ich nur
zu gut. Irgendwann fängt man dann an sich etwas
auf Englisch zu hören und “übersetzt” es dann…
auf Englisch natürlich (und bekommt es nicth mal
mit *gg*).
Das mit dem Denken und der Sprache ist was
seltsames finde ich. Wenn ich viel Englisch rede
fange ich an auch auf Englisch zu denken, aber
ich glaub ich denke nciht besonders viel ;.-).
Es passiert mir aber auch, dass ich was suche
und mir das Wort dazu nicht einfällt, in keiner
Sprache. Aber ich weis schon noch wozu ich
es brauche und was ich damit machen wollte.
An stelle vom Wort benutze ich dann eine
Handbewegung, damit ich wenigstens nicht
vergesse, was ich damit machen wollte.
Naja.. es gibt halt verschiedene Arten
meschuge zu werden
Jakobo
Dienstag, 1. April 2008 um 20:37
englisch mit hebräischem akzent ist wundervoll!! mein gehirn schafft es nur auf deutsch zu denken, egal welche sprache ich spreche.
bei dir ging es ja sehr tolerant zu. obwohl alle deutsch und englisch fließend sprechen, wird sobald wir gelandet sind nur noch ivrit mit mir geredet. “anordnung” der momme. ich muss fast betteln um mal deutsche tageschau sehen zu dürfen!