Unsere “Adoptivfamilie”

Bei einem Beitritt zum Judentum in Israel wird jedem Kandidaten eine religiöse Familie zugeteilt, die ihm helfen soll, das Gelernte in die Praxis umzusetzen und selbst zu erleben, wie religiöse Menschen leben. Man kann natürlich selbst eine Familie vorschlagen, aber wenn man keine kennt, bekommt man von den Kursleitern eine vermittelt. Am Ende des Prozesses kommt eine Person aus dieser Familie mit zur Prüfung, um als “Zeuge” ein gutes Wort für den Kandidaten einzulegen. Die Familien machen das ehrenamtlich.


Natürlich kannten wir niemanden - die Familie meines Mannes lebt nicht religiös, und daher kannten sie auch niemanden näher, der für uns die Adotionsfamilie hätte sein können. Meine Lehrerin hatte deswegen eine Bekannte von ihr ausfindig gemacht, die sich bereit erklärt hatte, die Rolle für mich zu übernehmen. So akzeptierten wir völlig fremde Menschen als unsere Mentoren.

Das war ein Fehler - wie sich ein Jahr später herausstellen sollte.

Wenig später war ich auch schon eingeladen bei Chana und Ishai. Beim ersten Mal brachte mein Mann (damals waren wir noch nicht verheiratet) zu ihrem Haus, das sich unweit von unserem befand. Es war wichtig, daß man nahe beieinander wohnte, damit ich am Schabbat, wenn Autofahren verboten ist, notfalls zu Fuß nachhause laufen konnte.

Chana und Ishai waren noch relativ jung, hatten fünf kleine Kinder und hatten bis vor einem Jahr noch in der Westbank gelebt. Sie waren Siedler - die einzigen, die ich je näher kennenlernen durfte. Ishai trug immer eine Pistole im Hosenbund, was ich als sehr abstoßend empfand. Wozu brauchte er die? Wir sind doch nicht in der Westbank.

Beide waren Religionslehrer, was mein Freund als “typisch” monierte. Es war eine aschkenasische Familie - d.h. ursprünglich stammten sie aus Europa, so wie ich und mein Mann. Das hatte seinen Grund, denn die Traditionen von europäischen Juden unterscheiden sich von denen von orientalischen. Jeder Kandidat sollte seine “eigenen” Traditionen lernen, bzw. jene des zukünftigen Ehepartners, wenn er aus einer anderen Tradition stammen sollte.

Für den Besuch hatten wir beide passende Kleidung angelegt - d.h. Rock und lange Ärmel für mich, Haare zurückgebunden, Kipa und sonst Bürokleidung für meinen Freund. Am Anfang war ich da noch sehr unsicher und trug irgendwelche alten Sachen, die mir nicht paßten - Röcke und Strümpfe, die mir die Mutter von meinem Freund gegeben hatte. Darin fühlte ich mich wirklich nicht wohl. Erst durch den Kontakt mit jüngeren religiösen Frauen habe ich nach und nach gesehen, wie man sich kleidet. Im Laufe der nächsten Jahre habe ich einige Jeansröcke und passende Oberteile gekauft, die mich zumindest jung aussehen ließen.

Chana war für israelische Verhältnisse eine sehr vernachlässigte Frau. Sie trug nie Make up und war immer in altmodischen, weiten Hüllen gekleidet. Dazu hatte sie eine unmögliche altmodische, runde Brille, wie sie seit zwanzig Jahren wohl nicht mehr produziert werden. Sie sah aus wie eine Oma in einem Dorf in Rußland. Dabei war sie nicht viel älter als ich.

Am Anfang saßen wir zu viert beisammen und tranken Cola und Orangensaft. Zaghaft bahnte sich ein Gespräch an. Mein Freund war sehr unsicher und versuchte, das eigentliche Thema auszuklammern. (Ein weiterer Fehler - aber er wußte noch nicht viel über unsere neue “Gesellschaft”.) Die jüngeren Kinder tobten durch die Wohnung. Die Jungen trugen alle eine Kopfbedeckung und hatten kurze Löckchen an den Schläfen. Aus den Hosen sahen weiße Fäden hervor, die man Zizit nennt. Das ist eine rituelle Unterbekleidung, die jeder männliche Jude tragen soll. Die Mädchen hatten Kleider an, keine Hosen. Die Kinder waren aufgedreht wegen dieses unbekannten Besuchs und wollten unsere Aufmerksamkeit. Es war furchtbar laut in diesem Haus und auch ziemlich schmutzig. Offenbar war die Mutter überfordert mit den Kindern. Ich habe es als das reinste Chaos erlebt.

Es gab keinen Fernsehapparat. Dafür eine ganze Wand voller Bücher. Die meisten religiösen Familien haben kein Fernsehen, da sie es als schlechten Einfluß empfinden. Aber einen Computer hatten sie, mit Internet un einem DVD-Laufwerk.

Damals konnte ich noch sehr wenig Hebräisch. Chana konnte ein paar Worte Englisch, aber viel zu wenig, um uns zu unterhalten. Der Kontakt mit ihr und den Kindern war es, wodurch ich seit meinem ganzen Aufenthalt am meisten Hebräisch gelernt habe. Alle in der Familie meines Freundes konnten entweder gut Englisch oder sogar Deutsch und Jiddisch, sodaß es immer Ausweichmöglichkeiten gab. Es gab bei Chana aber keine andere Wahl für mich als irgendwie nur Hebräisch zu sprechen zu versuchen. Ich mußte es, da unser Kontakt und ihre Informationen ja immens wichtig für meinen Übertritt waren. Vor allem die Kinder hatten viel Spaß daran, mit mir Bücher zu lesen und Lehrer zu spielen. Ohne es zu merken habe ich so fließend sprechen gelernt. Kein Kurs kann das ersetzen. Dafür bin ich Chana wirklich dankbar.

Ich, bzw. eher mein Freund, erzählte ihnen wie wir uns kennengelernt hatten und daß wir heiraten wollten. (Ein sehr wichtiger Punkt - ohne diesen Wunsch hätten sie uns überhaupt nicht ernst genommen.) Chana wirkte sehr offen und freundlich und beteiligte sich interessiert am Gespräch, Ishai dagegen war verschlossen, fast ablehnend, nicht so, wie ich es erwartet hatte. Mit ihm hatte ich das ganze folgende Jahr überhaupt keinen Kontakt, außer ein Hallo zur Begrüßung. Entweder war er nicht da, oder er hatte sich während meiner Besuche im Computerzimmer verschanzt. Ich nahm an, das wäre deswegen, da ich eine fremde Frau wäre. Chana war immerhin diejenige, von der ich lernen sollte.

Meine Gefühle waren zwiespältig bei diesem ersten Besuch. Ishais Verhalten gab mir zu verstehen, daß es ihm entweder egal wäre was ich da tue, oder daß ich nicht willkommen wäre. Bisher hatte ich israelische Gastgeber als überschwenglich und fast aufdringlich erlebt. Außerdem sprach er so leise, daß ich es kaum akustisch verstehen konnte. Die Familie war einfach anders als die anderen, die ich bisher kennenlernte. Ich dachte mir, daß alle diese Unterschiede wohl daran liegen müssen, daß religiöse Leute eben völlig anders leben.

Beim ersten Mal blieb es bei leichtem Smalltalk, ein paar Gläser Orangensaft und tobenden Kindern. Nächstes Mal sollte ich alleine kommen und ihr beim Kochen helfen. Dabei sollte ich lernen, wie man eine koschere Küche führt. Sie luden uns auf unbestimmt auch zum Schabbat ein. Das werde ich nächstes Mal beschreiben.

7 Antworten zu “Unsere “Adoptivfamilie””

  1. Miriam Woelke sagt:

    B”H

    Meiner Meinung nach hast du dich zu sehr von dieser Familie einwickeln lassen. Ich dachte, die seien nur da, um am Shabbat einmal hinzugehen. Aber mit denen kochen ?????

    Miriam

  2. schmetterlingsfrau sagt:

    Hallo Miriam

    Nein nein, das ist schon in Ordnung mit dem Kochen. Die Adoptivfamilie begleitet einen den ganzen Prozeß über. Ich war dauernd dort, mehrmals die Woche. Wir (also ich und Chana) haben zusammen gekocht, mit den Kindern gespielt. Zu Schabbat waren wir (mein Freund und ich) mehrmals eingeladen, und auch zur Chametzsuche vor Pesach. Chana war eigentlich sehr nett, nur ihr Mann weniger. Warte die Geschichte einfach ab…

  3. peetgp sagt:

    Hallo!
    Hast du wenigstens die Namen von den Personen geändert, über die du hier erzählst?
    Gruß

  4. schmetterlingsfrau sagt:

    Sämtliche Namen und Orte in diesem Blog sind frei erfunden.

  5. haikuli sagt:

    “Das war ein Fehler - wie sich ein Jahr später herausstellen sollte.”

    Mh nun bin ich neugierig geworden, kann aber nirgends etwas finden warum… Schade ^^

  6. schmetterlingsfrau sagt:

    Die Geschichte ist ja nicht zu Ende. Leider habe ich in letzter Zeit wenig Zeit zum Schreiben! Ich reiße es kurz an: Im wichtigsten Moment haben mich diese Menschen fallen lassen wie eine heiße Kartoffel in die Bratpfanne.

  7. haikuli sagt:

    Wirklich nicht sehr nett. Gut dass Du es trotzdem geschafft hast, wenn auch wahrscheinlich dann mit viel unnötigem Ärger…

    Bin jedenfalls gespannt wies weitergeht ;) (auch wenn ich das Ende der Geschichte schon kenne ^^)

Eine Antwort hinterlassen