In Israel gibt es ein organisiertes System von Religionskursen, die für den Übertritt zum Judentum gedacht sind. Sie werden vom Staat gesponsort (der Staat hat ein demographisches Interesse daran). In den verschiedenen Einwanderungszentren kann man Werbeplakate dafür finden. Fast alle Schüler sind weiblich, und der größte Teil stammt aus Rußland und den ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Lehrer sind meistens Rabbiner bzw. Frauen von Rabbinern. Der Kurs ist organisiert wie eine Schule. Zwei bis drei Mal pro Woche trifft sich die Klasse von 10 bis 20 Schülern, um über die jüdische Religion, Geschichte, Philosophie und den Staat Israel zu lernen. Mehrmals pro Jahr werden Seminare abgehalten, manchmal sogar auswärts über das Wochenende. Der Kurs dauert mindestens ein Jahr, manchmal aber länger.
Nachdem viel Zeit verstrich, und sich meine Dokumentenmappe aus Jerusalem Zeit gelassen hatte, bekam ich endlich telefonisch das OK. Ich wurde zu einem Übertrittskurs zugelassen. Bevor man damit als Ausländer beginnen kann, muß nämlich das Innenministerium sein Plazet geben. Das liegt daran, daß jeder Jude Alija machen darf, d.h. als Neueinwanderer sofort eingebürgert wird und eine Reihe von Rechten und Zuwendungen bekommt. Wenn jemand übertritt, ist er Jude und hat somit alle diese Rechte. Das Innenministerium prüft, ob dagegen Gründe vorliegen. Wahrscheinlich wird untersucht, ob eine Kriminalakte vorhanden ist, was der Hintergrund der Person ist, woher sie kommt, wann sie in Israel ein- und ausreiste und was sie in Israel macht. Auch die persönlichen Beziehungen spielen höchstwahrscheinlich eine Rolle, und ob genügend Mittel vorhanden sind, den Kandidaten ein bis zwei Jahre erhalten zu können. Arbeiten darf man in dieser Zeit nämlich nicht. Ich hatte einen Lebenslauf schreiben müssen und meinen Reisepaß kopieren müssen. Es ist anzunehmen, daß die Person auch aus der Sicherheitsperspektive untersucht wird. Immerhin wird durch den Übertrittsprozeß ein neuer Staatsbürger geschaffen.
Der erste Unterrichtstag war im Winter. Es war relativ kalt und verregnet. Ich mußte einen Rock tragen und hatte daher eine dunkle, ziemlich häßliche Wollstrumpfhose angezogen, damit mir nicht kalt war. Zum Glück konnte man sie nicht sehen! Mein Mann fuhr mich in das Einwanderungszentrum, in dem der Kurs stattfinden sollte. Es war früher Abend und schon dunkel. Am ersten Tag sollten wir beide kommen. Ob und wie mein Mann dann weiterhin teilnehmen mußte, stand noch in den Sternen.
Das Einwanderungszentrum war ein ziemlich heruntergekommenes Gebäude. Es war schmutzig, schlecht riechend und ungeheizt. Auf dem Boden lag Müll, und äthiopische Kinder lärmten durch die Gänge. Ich war abgestoßen von diesem Gebäude und dachte mir, wie soll ich das ein Jahr aushalten. Glücklicherweise waren die Unterrichtsräume in einem anderen Trakt, wo es ein wenig freundlicher war. Doch auch hier gab es keine Heizung.
Als ich den Raum betrat, saßen schon ein paar andere Schüler erwartensvoll auf den Stühlen und Bänken. Es war ein paar Minuten vor fünf. Als erstes begrüßte mich B., eine lebenslustige junge Frau aus Osteuropa,
die mit ihrem Mann aus dem hohen Norden Israels angereist kam. Dieser Kurs war der einzige englischsprachige in einem ziemlich großen Radius, daher mußten viele Teilnehmer lange Anfahrtszeiten in Kauf nehmen.
Der weitaus größte Teil aller Konvertiten zum Judentum ist russischsprachig. Daher sind fast alle Kurse ausschließlich auf Russisch. Auch die meisten Lehrer sind aus Rußland. Da die wenigsten Russen auch nur ansatzweise Englisch verstehen (außer den Lehrern), ergibt sich automatisch eine Sprachenbarriere, die die Schüler in zwei ungleiche Gruppen teilt: Die Russen und die Englischsprecher. Damals konnte weder ich noch B. noch andere Schüler genügend Hebräisch, um uns fließend zu unterhalten. Daher blieben die meisten Russen für uns ein Buch mit sieben Siegeln. Der Kurs sollte auf Englisch stattfinden.
Wir stellten uns kurz vor. Ich erinnere mich noch gut, daß B. mich fragte, ob mein Freund mein Ehemann wäre. Damals habe ich dazu gelacht, weil es so seltsam klang. Er war damals mein Freund, und ans Heiraten haben wir noch nicht derart konkret gedacht. B. war damals schon verheiratet und hatte deswegen schon einen israelischen Personalausweis und durfte arbeiten.
Später stieß auch T. noch dazu, welche aber alleine angereist kam. Sie war auch aus Osteuropa und sprach sehr gut Englisch. Wir drei wurden sehr bald Freundinnen.
Es kamen noch andere Schüler dazu, aus allen möglichen Ländern. Da war eine aus Brasilien dabei, und eine aus Ungarn. Man sagte mir auch, daß eine aus Deutschland und eine aus Östereich früher dagewesen wären. Aber ich habe sie nie getroffen. Und ein Mann aus den USA war dabei. Er war der einzige männliche Konvertit, der mir je begegnet ist. Er war auch der einzige, der wirklich religiös und tief überzeugt von der Religion war. Er war von Beruf Gefängniswärter und ein schräger Kauz, aber sehr nett. Seine Frau war in Israel geboren. Sie hatten mehrere Kinder und führten einen religiösen Haushalt.
Alle anderen waren weit davon entfernt religiös zu sein. Die meisten hatten israelische Ehemänner oder Freunde und wollten in Israel ein Leben aufbauen und sich integrieren.
Die russischen Gruppen waren etwas anders zusammengesetzt. Dort waren die meisten Nachkommen von Juden, entweder von jüdischen Vätern oder Großvätern. Da nur die Mutter zählt, waren sie alle Nichtjuden, die zum Judentum beitreten wollten. Für die meisten war der Anreiz jedoch trotzdem eine geplante Hochzeit, die nur dann innerhalb Israels stattfinden kann, wenn beide Partner dieselbe Religion haben. Ich habe aus sprachlichen Gründen mit nur ganz wenigen Russen Kontakt gehabt, mit denen ich mich über diese Dinge unterhalten konnte. Aber an eine erinnere ich mich sehr gut.
S. war aus der Ukraine. Sie trug immer eine Kopfbedeckung und einen Davidstern. Sie war verheiratet. Da sie drei Kinder hatte, die alle im schulpflichtigen Alter waren, gab das Probleme. Wer mit Kindern übertreten möchte, muß die Kinder auf eine religiöse Schule schicken. Das ging aber nicht, da diese zu weit weg war. So steckte S. fest mit ihrem Übertritt. Irgendwann kam sie gar nicht mehr. Sie rief mich Monate später zu irgendeinem Feiertag an und meinte, sie hätte durch Zufall entdeckt, daß ihre Großmutter Jüdin gewesen sei. Problem gelöst.
Auch von den Russen war niemand religiös lebend. Sie waren aber nicht nur unreligiös, sondern viele davon christlich. Viele feierten Weihnachten oder gingen gar in die Kirche. Besonders an einen Zwischenfall erinnere ich mich. Eine Russin, die vor mir zu einem Gespräch beim Rabbiner geladen war, ließ sich zuerst viel Glück wünschen und dann schlug sie ein Kreuz.
Am ersten Tag war die Klasse voll. Ungefähr 25-30 Leute waren gekommen. Bis auf den Gefängniswärter aus den USA waren es alles Frauen, mit ihren Freunden und Ehemännern.
Unsere erste Lehrerin war Rabbinersfrau, Russin, lebensfroh und drall, und trotz Hut und langem Rock sehr modisch, weiblich und gepflegt. Sie sprach ein nahezu perfektes, amerikanisches Englisch. Sie hatte Geschichte und Englisch studiert. Der Übertrittskurs war ihr Nebenverdienst.
In der ersten Stunde umriß sie kurz, worum es gehen sollte, was ein Übertritt bedeutet und was von uns erwartet wird und was nicht. Wir mußten uns auch Bücher besorgen: “Practical Judaism” von R. Israel Meir Lau (das in mehreren Sprachen erhältlich ist), ein Gebetbuch und eine Bibel, beides in Hebräisch und in unserer Sprache. Für den Anfang sollte das genügen. Ich habe mir daraufhin die “Heilige Schrift”, Hebräisch und übersetzt von Leopold Zunz gekauft, und ein Gebetbuch, ebenfalls Hebräisch-Deutsch. Nur das Lehrbuch von Lau habe ich auf Englisch gekauft, damit mein Mann es auch lesen konnte. (Am Ende mußte ich den gesamten Stoff und alle Vokabeln in drei Sprachen lernen, da meine Bücher auf Englisch und Deutsch waren, die Prüfung aber auf Hebräisch stattfand.)
Am Anfang war ich sehr motiviert und sehr gespannt auf diesen Kurs. Ich war offen für Neues und interessiert am Thema. Im Laufe der Jahre hat das Stimmungsbarometer stark geschwankt. Mehrmals war ich kurz davor aufzugeben. So ergeht es aber jedem.
Beim nächsten Mal werde ich erzählen, was man in so einem Kurs alles lernt, was an Wissen erwartet wird, und wie der Prozeß weiterging.
Kommentare aus dem alten Blog zu diesem Eintrag:
B”H
Dass mit der Zustimmung des Innenministeriums war mir voellig neu.
In Jerusalem kenne ich einige Leute, die in einem fast neu gegruendeten engl. sprachigen Giurkurs sind. Neugegruendet hat dieser Kurs aber schon einen schlechten Ruf weg.
Diese Kurse bekommen Foerdergelder vom Staat. Je mehr Schueler, desto mehr Geld. In besagtem Kurs wurde jeder ohne gross herumzufragen einfach akzeptiert und prompt war der voll christlicher Missionare.
Miriam
Miriam Woelke | 12.01.2007 - 09:36
Die Zustimmung ist nur dann notwendig, wenn der Kandidat kein Israeli (also Tourist oder Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung ist). Das kommt relativ selten vor, aber häufiger bei Nichtrussischsprachigen. (Die meisten Konvertiten sind Russen, welche Olim und somit Israelis sind).
schmetterlingsfrau | 12.01.2007 - 13:36
Nachdem was ich in Jerusalem so sehe, sind die meisten Konvertiten Touristen. Amerkinaer, Briten und so.
Shavua Tov,
Miriam
Miriam Woelke | 13.01.2007 - 18:38
Dienstag, 6. Februar 2007 um 6:52
Mit Interesse habe ich über Konversion in Israel gelesen, denn ich befinde mich in Deutschland in Konversion. Von meiner Seite sind religiöse Gründe dominierend ebenso aber auch der Wille nach Israel einzuwandern. Tägliche Synagogenbesuche sind kein Problem aber im täglichen Leben ergeben sich doch einige Schwierigkeiten. Ich denke auch, dass in Israel Konversion zum normalen Alltag gehört und deshalb einfach und schneller das Ziel erreicht werden kann Die Frage ist nur von was lebt man? Man darf nicht arbeiten. Gibt es denn in diesem Status Unterstützung? Ich glaube kaum.
Ich würde mich freuen wenn Ihr diesbezüglich weitere Informationen schreiben könntet damit ein übersiedeln sich eher planen läßt.
Im Mai werde ich das erste Mal in Israel sein als Volontary und neue Luft schnuppern, eine große Aufregung mit viel Vorfreude.
Susi
Dienstag, 6. Februar 2007 um 13:00
@Susi
Ein paar Punkte.
1. Ich kenne keine Konversionen außerhalb Israels, aber trotzdem glaube ich nicht, daß es hier “einfach und schneller” erreichbar ist. Bei mir war es alles andere als das. Im Ausland gibt es auch nicht-orthodoxe Übertritte, welche weniger Anforderungen an das tägliche Leben stellen. Diese gibt es hier nicht (sie führen jedenfalls nicht zum Ziel, in Israel als Jude anerkannt zu werden.) Du hast außerhalb Israels also mehr Möglichkeiten offen.
2. Wovon lebt man? Die weitaus meisten, die in Israel übertreten, haben entweder eigene Familie im Land und sind Staatsbürger, oder sie sind (zivil) mit einem Israeli verheiratet und haben die Aufenthaltsgenehmigung und dürfen daher arbeiten. Wenn man nicht verheiratet ist, bleibt man für die Zeit der Konversion Tourist und darf nicht arbeiten. Man muß dann bestätigen, daß man (oder jemand anders) für einen sorgen kann. In den meisten Fällen ist das der Freund und seine Familie (bei mir war es so).
3. Unterstützung gibt es nicht.
4. Als dritte Möglichkeit bleibt ein Kibbutz mit angeschlossenen Kursen. In Jawne gibt es so etwas. Darüber weiß ich aber nichts genaueres. Es klingt jedenfalls nach Knochenarbeit.
Dienstag, 6. Februar 2007 um 21:13
B”H
Hallo Susi, ich kann der Schmetterlingsfrau nur zustimmen.
Waehrend des Giur in Israel bist du im Touristenstatus und hast, ergo, keinerlei Rechte. Unterstuetzung vom Staat kriegts du keine. Eher im Gegenteil; jeder Gang auf das Innenministerium, wenn du nach drei Monaten ein neues Visum brauchst, kann zum Spiessrutenlauf werden. Buerokratie…..Du musst sogar offen legen, von was du lebst und das du ja nicht illegal arbeitest.
Vor ein paar Jahren noch gingen viele Leute im Giur Prozess putzen und so. Man verdiente gutes Geld. Doch heute stellen Israelis keine Touristen mehr schwarz zum Putzen ein.
Du kannst versuchen, einen legalen Job zu finden, was schwer sein wird. Vor allem in Jerusalem. Tel Aviv waere einfacher.
Soweit ich weiss, finden in Kibbutz Yavne keinen regelmaessigen Giur - Kurse statt, sondern nur alle paar Jahre einmal.
Und ein Giur in IL verlaeuft keineswegs schneller als in Deutschland.
Miriam
Dienstag, 6. Februar 2007 um 23:48
Zum Visum folgendes: Wenn du beim Innenministerium offiziell als Gijurkandidat geführt wirst, hast du das Recht auf Verlängerung des Visums. Du kannst nicht rausgeschmissen oder es dir verweigert werden.
Ich gebe es zu, ich war einmal 9 Monate lang ohne Visum im Land, weil ich es einfach vergessen habe und es mir egal war (Schande über mich - ich weiß). Als ich in Eilat nach Taba ausreiste und dann wieder zurück, gab es dann Probleme. Aber sie haben einfach im Innenministerim telefonisch nachgefragt und alles war OK. “Bitte nächstes Mal besser aufpassen!” haben sie mir gesagt.
Leider ist das so, daß der Staat keine Ausländer will. Das ist die Wahrheit. Du wirst geduldet, wenn du familiäre Beziehungen hast oder eben heiratest. Einfach so kommen und konvertieren und bleiben - das wird verhindert.
Montag, 24. März 2008 um 1:05
Liebe Schmetterlingsfrau,
mit Interesse las ich soeben deinen sehr informativen und so lebendig geschriebenen Blog. In welchem Alter hast du denn deinen ersten Tag im Giurkurs gesessen? Ist es wirklich so, daß man in IL genauso lang braucht für orthodoxen Giur wie in anderen europäischen Ländern, wo berichtet wird, dass z.T. Zeiten zwischen 5 und 12 Jahren keine Seltenheit sind?
Alles Gute und LG
Moni