Chanukka hat im israelisch-jüdischen Festkreis die Wichtigkeit von Fronleichnam, es gibt keine arbeitsfreien Tage. Der Inhalt des nachbiblischen Festes ist außerdem mehr politisch als religiös: Der gewonnene Kulturkampf gegen die Assimilation ist Thema des Festes - während in der Diaspora glasige Kinderaugen auf die Geschenke unter dem Chanukkabusch linsen, die die politisch korrekten Christen aufgestellt haben, um allen zu zeigen, daß die da ja auch grade so ein Lichtfest haben, welches man damit respektiert.
Zum Einstieg eine Anekdote, die sich in einem Gespräch mit einer
christlichen Bekannten ergab, die ich vor einigen Jahren kurz vor
meinem Rückflug nach Israel in meiner Heimatstadt traf. Sie begann
zaghaft, mich über Israel auszufragen:
“Wenn Sie jetzt fliegen, im Dezember, ist dann da unten auch Weihnachten?” fragte sie.
“Nicht wirklich”, sagte ich.
“Gibt es einen anderen Kalender in Israel?” hakte sie nach.
“Ja”, sagte ich, “den jüdischen. Alle Feiertage gehen nach dem jüdischen Kalender.”
“Achso!” strahlte sie, “ich verstehe. Wann ist denn Weihnachten in diesem Kalender?”
Ich unterdrückte ein Lachen. “Gar nicht, Juden feiern kein Weihnachten.”
Sie sah mich entsetzt an. “Waaas? Wirklich?” Sie war sehr betroffen. “Und wie erklärt ihr das den Kindern? Die armen Kinder!”
Es ist wieder soweit: Weihnachtsmärkte in allen Teilen Europas (in denen der Respekt vor der Religion des Friedens sie noch nicht unterbunden hat). Bei soviel Licht und Wärme wird es dem Exil-Juden kalt ums Herz. Er ist ausgeschlossen. Überall sind Christen mit ihren Märkten und Geschenken unterwegs, wünschen sich “Frohe Weihnachten”, und er hat nichts zu bieten!
Dazu kommt die Masse an politisch korrekten Christen, die statt Merry Christmas schon seit Jahren Season’s Greetings wünschen und neben die Christbäume Chanukkiot und Chanukkabüsche stellen.
Glücklicherweise fällt im christlichen Kalender der Monat Dezember zufällig mit dem Kislew zusammen, sodaß sich das Weihnachtsfest meistens in unmittelbarer Nähe zu Chanukka ergibt. Oh Chanukka! Das ist doch auch ein Lichtfest, da Öllampen drin vorkommen! Wie wunderbar - Weihnachten ist gerettet. Zwar lautet der Inhalt dieses nebensächlichen Feiertags ganz anders, nämlich ein Manifest gegen die Aufgabe jüdischer Traditionen, aber das weiß kaum jemand.
Daher ist es auch völlig OK, daß es in Berlin einen “Chanukka-Markt” gibt, geöffnet “bis zum 31. Dezember täglich – außer Heiligabend”. Natürlich außer Heiligabend, an diesem Abend hat der Galut-Jude keine Zeit, der er ist heilig - oder betrifft es nicht eher die nichtjüdischen Initiatoren und Ausführenden dieses fragwürdigen Marktes?
Am Eingang ertönt ein Weihnachtslied, dann geht es weiter zum “Lebkuchenstand” und zu “Kerze in Weihnachtsbaumform”.
In Israel fragt man mich jedes Jahr, an welchem Tag “Krismes” wäre, um meine christlichen Verwandten telefonisch zu beglückwünschen (ich tue es nicht, um Mißverständnisse zu vermeiden, aber die Familie von meinem Mann - und sie schicken auch jedes Jahr Geschenke). Sie sind sich nie so richtig sicher, ob es der 20., 24. oder 25. war? Woher sollte man das auch wissen? Wenn man in Israel lebt - also als Jude nach jüdischem Festtagskalender -, kann es leicht passieren, daß man den Heiligen Abend einfach übersieht, denn er ist ein normaler Arbeitstag. Um das nicht zu vergessen, muß man sich einen Alarm im Handy speichern. Umgekehrt geht es einem in Deutschland so mit jüdischen Festen - oder wissen Sie, falls Sie Christ sind, wann Pesach sein wird? Wissen Sie überhaupt, was das ist? Wenn nicht, ist es keine Schande. Man kann nicht alles über fremde Kulturen wissen!
Chanukka und Pesach gehören nach Israel - hier wird auch jeder wissen, wie die Regeln des Dreidelspiels lauten, und niemand wird Feiertage übersehen oder aus politischer Korrektheit usurpieren und verchristlichen. Wer sich über Chanukkamärkte beklagt, darf die Schuld nicht nur bei den Christen suchen. In Israel sieht alles anders aus!
Übrigens: Eine Grußkarte zu dem Fest, zu dem man in Israel Grußkarten verschickt (Neujahr), haben wir noch nie von christlichen Freunden und Verwandten bekommen. Aber immer “Chanukkagrüße”, oft dann, wann das Fest schon vorbei war. Diese Geste kommt so rüber: “Wir haben grade Weihnachten, bei euch da unten ist zufällig auch grade ein Fest, also beglückwünschen wir euch mal dazu”.
So wurde aus dem Siegesfest über die nichtjüdischen Eroberer das Fest der politischen Korrektheit und der Galut-Schleimerei. Man stelle sich vor, die Katholiken unter den israelischen Arabern würden Mariä Himmelfahrt als Versöhungsfest umdeuten und den ganzen Tag fasten, nur weil das Fest ungefähr in die selbe Zeit fällt wie Jom Kippur. Man stelle sich vor, die jüdischen Israelis würden aus politischer Korrektheit jenen Katholiken ein leichtes Fasten wünschen - ist es auch ihr Fest!
Kommentare aus dem alten Blog zu diesem Eintrag:
“Glasige Kinderaugen”. Das würde mich aber als Elternteil stutzig machen. Ehrlich.
D. N. Reb | 14.12.2006 - 08:21
Jerusalem ist seit heute etwas geschmueckt. Schaut sogar ganz romantisch aus…Blaue Lichtlein ueber Rehov Yaffo.
Chanukkah Sameach,
Miriam
Miriam Woelke | 14.12.2006 - 19:46
Ab und zu kriege ich ich am Freitag auf dem DLF “Jüdisches Leben” mit. Ist ganz erquicklich.
D. N. Reb | 15.12.2006 - 22:17