Wenn zwei Säkuläre zum Rabbi gehen und einer davon Jude werden will, ist das eine heikle Angelegenheit. Wenn man beim Rabbi aber zu lügen beginnt, dann ist es mit der Konversion schnell vorbei. Ein Lügner darf nämlich nicht übertreten. Ich hatte mir vorgenommen, bei der Wahrheit zu bleiben und dennoch einen guten Eindruck zu machen. Und das habe ich auch geschafft.
Nach monatelanger Hinhalte- und Wartezeit bekamen wir endlich beim Rabbiner einen Termin. Mehrfach sind Termine verschoben oder gleich abgesagt worden, unter den seltsamsten Ausreden. Das Hingehaltenwerden war, wie ich hinterher erfahren habe, Absicht, um die Entschlossenheit des Kandidaten zu prüfen.
Auf den Tag hatte ich mich gut vorbereitet. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in mehreren Diskussionsgruppen im Internet aktiv und war bestens gerüstet mit Wissen über den Prozeß. Auch über das Judentum hatte ich mir einiges an Wissen angeeignet.
Mein Freund dagegen nahm die Sache sehr locker. Er hatte sich geweigert irgendein Buch in die Hand zu nehmen und zu lernen. “Ich bin schon Jude; ich brauche niemandem etwas zu beweisen.” Diese Haltung hielt er fast eineinhalb Jahre durch - bis meine Konversion fast verunmöglicht wurde. Erst dann sah er seinen Fehler ein.
An jenem Tag erschienen wir vormittags im Bet Din (religiöser Gerichtshof) der nächstliegenden Stadt. Mein Freund hatte sich freinehmen müssen. Ich war gekleidet wie man es mir gesagt hatte: Rock und lange Ärmel. Meine Haare hatte ich zurückgebunden, und ich trug kein Augenmake-Up und keinen Lippenstift. Mein Freund setzte eine Kipa auf.
Das Bet Din ist ein großes Verwaltungsgebäude mit unterschiedlichen Bereichen. Dort werden Geburten und Todesfälle registriert, Scheidungen verhandelt und eben auch Übertritte durchgeführt. Wir strebten zum Bereich der Übertritte und kamen an den Sälen vorbei, an denen Scheidungen verhandelt wurden. Das Geplärre machten einen sehr negativen Eindruck.
Nervös nahm ich auf der lackierten Holzbank Platz, die vor der Tür des Büros des Rabbiners stand. Gerade war jemand drin. Plötzlich ging die Tür abrupt auf und eine kleine, schlanke junge Frau mit einem Haarnetz stürzte weinend heraus. Eine andere nahm sie in die Arme. Sie schluchzte etwas auf Russisch. Ich war entsetzt!
Als wir eintraten war ich noch nervöser als vorher.
Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann um die fünfzig mit langem wuscheligen Bart, schwarzer Kipa und Schubertbrille. Er hatte einen Taschencomputer in der Hand und ärgerte sich halb belustigt über seinen gerade begangenen Fehler. Er machte einen lockeren und freundlichen Eindruck. Ich verschob das Bild der weinenden Russin aus meinem Gedächtnis. Mein Freund, der sich mit Computern sehr gut auskennt, brach gekonnt das Eis und sprach mit dem Rabbi über seine neue Errungenschaft, einen Taschencomputer, welche damals noch zu den seltenen und höchstmodernen Errungenschaften der Technik gehörten. Mein Freund schaffte es, das Ding wieder zum Laufen zu bringen. Die Atmosphäre war entspannt, und dem Rabbi war ein Ausdruck der Erleichterung doch sichtbar ins Gesicht geschrieben.
Das Gespräch begann mit allgemeinen Fragen zu meiner Person und meinem Aufenthalt, unserem Beziehungsstatus und anderen formellen Dingen. Offenbar soll zuerst festgestellt werden, warum ich überhaupt im Land bin, ob ich verheiratet bin und ob ich arbeite. In Israel hat eine Konversion weitreichende politische Folgen - daher sind das wichtige Fragen. Er wollte auch wissen, ob wir vorhatten weiterhin in Israel zu leben und ob ich Alija machen wollte. Das waren Bedingungen für einen Übertritt.
Das nächste Thema betraf meinen Freund, der vorher abgestritten hatte, er würde irgendetwas zu beantworten haben, denn er wäre ja schon Jude. Der Rabbi wollte wissen, welches Level an Observanz seine Familie an den Tag legte. Diese Frage ist sehr wichtig, um einzuschätzen, wie der Kandidat lebt. Da Lügen sinnlos war und es offensichtlich war, daß mein glattrasierter Freund nicht aus einer Haredimfamilie stammte, sagte er die Wahrheit: Säkulär, aber mit starker Bindung an die Tradition, Großmutter aus Rabbinerfamilie, grundsätzliches Level an koscherem Essen. Die Erziehung wollte er auch genau wissen - wo die Bar Mitzwa stattfand und so weiter. Mein Freund beantwortete alles wahrheitsgemäß, betonte aber natürlich die Liebe der Familie zur Tradition, und wie wichtig ihnen mein Übertritt ist. Dies entsprach zu 100% der Wahrheit.
Erst dann kam das Gespräch auf mich persönlich. Doch es kamen keine Wissensfragen zum Judentum, sondern er wollte wissen, wie religiös meine Familie denn wäre, welche religiöse Erziehung ich genossen hätte, ob ich je in einer Kirchengemeinde war und regelmäßig gebetet hätte und so weiter. Die Fragen waren erstaunlich. Das war das letzte, das ich erwartet hatte. Unsicher was der Zweck der Fragen war, antwortete ich vorsichtig. Doch mir war bald klar, daß die Tatsache einer christlichen Erziehung dem Rabbiner positiv zu beeindrucken schien. Ich holte weiter aus zu meiner Konfirmation, Schulabschlußgottesdiensten und dem Priester, der uns Religionsunterricht gab. Er wußte, daß ich aus einem hauptsächlich katholischen Landesteil stammte und fragte, ob ich je gebeichtet hätte. Ich bejahte, regelmäßig. Langsam war mir das unangenehm - ich dachte es ginge um das Judentum? Er meinte dann, wie wunderbar das wäre, endlich jemand mit Wissen um Religion, die meisten kämen aus dem staatlich verordneten Atheismus und wüßten nichts über Religion. Seine Abneigung gegen russische Kandidaten schien durch.
Dann wurde ich gefragt, ob ich wüßte was die Unterschiede im Gottesbild zwischen Christen und Juden wären. Ich holte detailliert aus - darüber wußte ich gut bescheid! - wurde aber bald unterbrochen, da er sah, ich bin gut informiert.
Die letzte Frage hatte ich erwartet. Es ging um die “Kinder Noahs”, den Bund mit Noah und allen Menschen, und die sogenannten “Sieben Gebote Noahs”, die für alle Menschen (auch Nichtjuden) gelten. Wer danach lebt, würde denselben Status des Gerechten einnehmen wie ein Jude. Aus diesem Grunde gäbe es keinen Anlaß, Jude zu werden. Was ich davon halte? Dieses Totschlagargument wird fast jedem Kandidaten als Fangfrage vorgesetzt. Auch mir. Was man darauf nun laut Internet antwortet, hatte ich vergessen. Daher sagte ich, leicht enerviert über die Testsituation, daß wir “eine jüdische Familie sein wollen und keine Bnei Noach-Familie” und daß ich in Israel als Jüdin leben möchte. Ob es ausgereicht hat, weiß ich nicht. Er hat nichts dazu gesagt.
Die wichtigste Frage kam am Ende. Hatte ich schon Kontakte zum Judentum, bevor ich nach Israel üersiedelte? Ja das hatte ich! In meiner Heimatstadt gibt es eine Gemeinde, deren Vorbeter Israeli ist. Die Familie von meinem Mann lernte ihn kennen, als sie auf Besuch in meiner Stadt waren. Er ist ein hilfsbereiter, sehr offener Mensch. Er half mir bei der Konversion wahrscheinlich mehr als alle anderen. Denn er war mein Kontakt von außerhalb, jemand, der beweisen konnte, daß ich schon Kontakte zum Judentum hatte, bevor ich nach Israel umzog. Das war sehr wichtig zu betonen.
Offenbar hatten wir diese erste Hürde genommen. Ich bekam Papiere zum Ausfüllen und die Aufgabe, einen Lebenslauf zu schreiben. Beides müßte dann abgegeben und zur Prüfung nach Jerusalem geschickt werden. Wenn das Rabbinat sein OK gibt und das Innenministerium einer Einbürgerung zustimmt, dürfte ich einen offiziellen Kurs beginnen.
Ich war zu diesem Zeitpunkt sehr stolz auf meine Leistung. Das erste Gespräch ist das Wichtigste. Noch war ich lange nicht noch nicht einmal am Anfang des Beginns dieser Reise, aber einen Zehen hatte ich bereits in der Tür. Und das ohne ein einziges Mal die Unwahrheit zu sagen! Das war mir sehr wichtig. Ich wollte auf keinen Fall mein Debüt in der jüdischen Welt mit einer Lüge beginnen. Aber wie man in der Praxis sieht, ist das gar nicht nötig.
Kommentare aus dem alten Blog zu diesem Eintrag:
liebe schmetterlingsfrau,
herzlichen dank fuer deinen spannenden bericht ….
beim lesen fiel mir so auf das es dieses erste gespraech beim rabbiner fuer mich gar nicht gab ….
ich bin lange zeit vorher regelmaessig in die schul gegangen, habe keinen g”ttesdienst versaeumt und bin auch ansonsten bei veranstaltungen usw. aufgetaucht.
und es ergaben sich einige kontakte mit der zeit ….
und dann habe ich in der gemeindezeitung vom erwachsenenunterricht gelesen, das war ein siddur kurs und eine konvertierungsklasse.
ich habe mich muendlich (beim rabbiner) dazu angtemeldet und wurde (zur konvertierungsklasse) zugelassen in der form: “der erste unterricht ist am XX” und das war es …..
ich werde in meinem eigenen blogg mal was dazu schreiben !
herzliche gruesse, gute woche,
grenzgaenger
grenzgaenge | 10.12.2006 - 16:23