Liebe grünen Araberfreunde, nicht pauschalisierenden Islamdialogierer, antifaschistischen Israelkritiker und Gutmenschen: Folgender Artikel ist euch gewidmet! Die israelische Gesellschaft hat ein großes Hobby - die liebevolle Pflege sozialer und ethnischer Stereotype. Niemand bleibt verschont, niemand empört sich, alle machen mit! Was sich niemand sagen traut steht hier schwarz auf weiß: Israel ist ein pfui-rassistisches Land. Philosemiten mögen bitte hier klicken (Achtung Sie verlassen dieses schreckliche Blog!).
Etwas das jeder Israeli egal welchen gesellschaftlichen Sektors besonders gut kann, ist das Nachäffen von Akzenten und Soziolekten. Diese Fähigkeit scheint bereits im Kindesalter ankonditioniert zu werden. Kaum kommen Russen, Schwarze, Araber oder Religiöse ins Bild, schnattert es bereits pawlowsch im passenden Sprachregister.
Wie bereits erwähnt ist die Gesellschaft Israels extrem fragmentiert. Jeder lebt in seiner eigenen kleinen Nische seiner ethnisch-kulturell-religiösen Identität. Und wehe allen, die nicht genau so sind wie man selber: Sie werden verachtet und schamlos durch Belegung mit ganz besonderen Namen verspottet!
Vor kurzem gab es eine Umfrage dazu in einer großen Tageszeitung: “Welche Gruppe halten Sie für die meistgehaßte?” Wenig verwunderlich waren es die Haredim (Ultraorthodoxe), die das Rennen machten.
Hier ist eine kleine Typologie der fiesen israelischen Schubladen.
Dossim: ‘Ultraorthodoxe’, Haredim

Haredim, umgangssprachlich und politisch inkorrekt Dossim genannt (die ausländischen Medien nennen sie Ultraorthodoxe), sind eine Gruppe streng religiöser Juden. Das Stereotyp: Bärtiger dürrer Mann mit Hut und schwarzem Outfit, seine Frau bekopftucht und mit langem Rock, und dazu ca. 13 Kinder, die schon als Dreijährige ganze Kapitel aus dem Gebetbuch auswendig können. Dossim sind klassisch Sozialschmarotzer und haben kein Einkommen, sondern leben vom Kindergeld, oder sie sind Religionslehrer oder Koscher-Beauftragter in Hotels oder haben andere unproduktiven Berufe, die nur innerhalb der eigenen Gruppe einen Zweck haben. Da sie nicht zur Armee gehen, werden sie besonders abgelehnt. Außerdem gelten sie als weltfremd und haben keinen Fernseher, und wegen der unpassenden Kleidung (schwarzer Kaftan bei 40 Grad) stinken sie unentwegt. Die Frauen gelten als extrem ungepflegt und an den falschen Stellen behaart, und die Männer haben dieselben Vorwürfe anzuhören wie katholische Priester: Sie sind perverse Lüstlinge, die ihre unterdrückte Sexualität bei Huren ausleben oder Frauen und Buben belästigen. Statt Fernseher wird bevorzugt das Internet frequentiert - und hier alle Seiten, die mit drei X beginnen. Die Aussagen so mancher säkulärer Israelis über Dossim würden in Deutschland unter das Verbotsgesetz fallen. Deswegen schweige ich lieber dazu!
Umgekehrt ist man auch nicht grade zimperlich. Die Säkulären werden von den Religiösen “Gottesläster” und “Schabbat-Entehrer” genannt. Säkulär ist bereits, wer am Samstag telefoniert oder Cheeseburger ißt.
Arsim und frechot: Orientalische Juden

Das orientalische Stereotyp betrifft Juden aus Nordafrika und den arabischen Ländern. Sie sind natürlich alle schon mal im Gefängnis gewesen, nehmen Drogen und sind kriminell. Die gelackten Burschen mit Goldkettenüberfluß, die ab Einbruch der Dunkelheit in ihren schwarzen BMWs bei dröhnender orientalischer Musik die Alleen abfahren, nennt man Arsim - das ist Arabisch für Zuhälter. Die dazupassenden weiblichen Exemplare, die am Straßenrand warten, nennt man Frechot, das sind die wasserstoffblonden Flittchen im Minirock. Ihre Mütter, deren einzige Qualifikation das Bekochen von fünfzig Verwandten ist, sind abergläubisch und primitiv, schreien bei offenem Fenster auf die Straße und werden von ihren Männern geschlagen. Die orientalischen Juden haben eine eigene Aussprache des Hebräischen, das an das Arabische angelehnt ist. Sie gilt als das Markenzeichen jedes Kleinkriminellen, Drogendealers und Zuhälters. Daß Kazaw, unser Vergewaltigungspräsident, ein Ars ist - na war doch klar, oder?
Umgekehrt geht es auch ganz schön rund. Aschkenasim (weiße, europäische Juden) gelten bei den Orientalen als “nicht richtige Juden”, da sie von “Konvertiten abstammen”. Diese rassistische Vorstellung stammt von der Geschichte der Kasaren - einem Volk, das als gesamtes zum Judentum übertrat. Aschkenasim können nicht kochen, sind vom Holocaust besessen und verderben Israel mit ihren westlichen Einflüssen - vor allem durch das Reformjudentum.
Russim: Saufende Scheinjuden unter dem Weihnachtsbaum

Die Massen an russischen Einwanderern haben eine Parallelkultur entwickelt, die dem Rest Israels auf den Geist geht. Russische Fernsehsender, russische Zeitungen und ganze Straßenzüge mit russisch beschriebenen Geschäften schaffen Ärger. Der Russe hat prinzipiell einen zweifelhaften jüdischen Status, da viele durch gefälschte Papiere nach Israel kamen, und Lug und Trug dem Russen intrinsisch als Charakterzug anhaftet, da er sich nur so im Sowjetregime durchboxen konnte. Daß sie alle Silvester und Weihnachten feiern verstärkt den Verdacht. Im Dezember sind alle russischen Supermärkte, deren Hauptartikel Schweinefleisch und Alkohol sind, mit Weihnachtsschokolade und Christbaumdeko überwuchert (sichtbar im Bild oben, das mein ungläubiges Handy geschossen hatte). Die Russen brachten Discos und das Alkoholproblem nach Israel. - war klar, vorher gab es das nicht. Die typische russische Wohnung ist gespickt mit Wodkaflaschen, und es laufen immer russische Fernsehsender.
Umgekehrt gehen die Russen davon aus, daß eingeborene Israelis keine Kultur haben sondern von den Bäumen heruntergestiegen sind. Beweis: Tschaikowsky und Tolstoi waren Russen und keine Israelis!
Kuschim: Das N-Wort kommt aus Äthiopien

Mit dem N-Wort haben Israelis nicht das geringste Problem. Jeder Schwarze wird Kuschi genannt - von PC ist im Alltagsgebrauch wenig zu spüren. Die schwarzen Israelis kommen aus Äthiopien. Ein paar Zehntausende davon gibt es. Die Äthiopier haben mit den meisten Problemen zu kämpfen. Sie gelten als rückständige Buschbewohner, Analphabeten und Halbaffen. Es geht die Mär um, daß die ersten Einwanderer begeistert auf die Toilettenmuscheln reagierten, da man darin prima Gurken einlegen könnte. Bei meinen Abenteuern in den Immigrantenauffangkursen habe ich oft das Gefühl gehabt, im Kongo zu weilen. Als ich in einem Fotogeschäft ein paar Abzüge abholte, war neben mir ein Äthiopier dabei, eine uralte analoge Kamera zu beanstanden, die er auf einem Trödelmarkt erworben hatte. “Geht nicht! Warum!” sagte er. Der Angestellte machte die Kamera auf: Es war kein Film eingelegt. “Film?” Nie gehört. Die einzigen Jobs, die man diesen Leuten zutraut, sind Putzfrau und Nachtwächter. (Daß es schwarze Anwältinnen gibt, mußte eine Werbespotaktion erst klarstellen.) Wenn in ein Wohnviertel Schwarze ziehen, sinken die Wohnungspreise. Diese Tatsache wird offen ausgesprochen. Kürzlich ging das Skandälchen durch die Nachrichten, wie ein Angestellter in einem bekannten Kaffeehaus eine Schwarze “Schmutzfleck” genannt hat. Rechtliche Konsequenzen hatte es natürlich nicht - das Kaffeehaus wurde aber boykottiert.
Gojim, Schejgetzim, Schickses: Nichtjuden - womit wir zu kämpfen haben

Die schlimmste Beleidigung, die man mir angedeihen kann ist nicht, daß ich konvertiert habe, sondern die Frage, ob ich denn als Volontärin in einem Kibbutz nach Israel gekommen wäre. Volontärinnen - das Wort ist an der Grenze zu abschätzig gemeint. Es bedeutet blonde, sexuell unausgelastete Übungsmatratzen für die männlichen Kibbutznikim, deren Mütter sicher sein können, daß sie auch umweltgerecht entsorgt werden können, bevor der Sohn seine (natürlich jüdische) Ehefrau heiratet. Manche dieser zarten Wesen blieben aber und behielten ihre Burschen, zum Leidwesen der Mütter. Die meisten dieser Paare haben das sozialistische Utopia wohl verlassen und sind in Israel angekommen - und haben dann auch konvertiert, aus Einsicht und Ernüchterung. Besonders beleidigend empfand ich auch die Frage, ob ich denn auch nackt baden würde, weil das alle Deutschen täten, oder zumindest oben ohne? Das israelische Deutschenbild ist durch Pro7 und RTL2 und deren offenherzige Programmgestaltung ziemlich verseucht worden (beide Sender sind inzwischen vom Kabelnetz verbannt worden). Deutsche nichtjüdische Frauen gelten als promisk, unrasiert aber mit reinem Herzen - idealisiert im Bild der Volontärin. Deutsche Urlauber in ihren weißbesockten Sandalen und Kleidung, die aussieht und riecht, als ob sie darin geschlafen hätten, runden das Bild ab.

Es liegt lange zurück, daß man mich wieder mal gefragt hatte, ob ich eine Mitnadewet - Volontärin im Kibbutz - gewesen sei. Am Anfang fragte es jeder. Jetzt nicht mehr - wahrscheinlich, weil ich rasierte Beine, gefärbte Haare und blaue Akrylnägel habe.
Filipiniot: Altenpflegerinnen mit Zusatzqualifikationen

Ein häufig anzutreffendes Bild in den Parks sind gebrechliche Alte in Rollstühlen und mit Gehstöcken, die auf den Bänken sitzen, und auf der Nebenbank die exakt gleiche Anzahl von philippinischen Frauen - wahrscheinlich die einzige Bevölkerungsgruppe, die noch kleingewachsener ist der Durchschnitt. Die zarten Wesen mit den kindhaften Zügen sind Gastarbeiter, die die Senioren und Greise pflegen, meistens bis zum Tod. Ein staatlich organisiertes Pflegesystem gibt es nicht. Wer sich kein Altenheim leisten kann, holt sich eine Philippina - sie werden sogar auf riesigen Plakaten auf der Autobahn beworben (siehe Bild, das sogar welche aus Bulgarien und Thailand anbietet). Die Philippinas haben den Ruf, sich mit sexuellen Freizügigkeiten die Wege in die Herzen der Söhne und Enkel der Pflegepatienten zu bahnen und damit ihre eigene Altersvorsorge im kuscheligen Israel sicherzustellen (was sie zum Haßobjekt jeder israelischen Ehefrau macht). Eine chinesische Chirurgin, die in Haifa arbeitete, konnte nicht auf der Straße gehen, ohne daß dutzende Autos anhielten, hupten und ihre heruntergekommenen Fahrer ihr “Hey filipina!” nachschrieen, sie anpfiffen und so eindeutige Angebote machten.
Das war nur eine Auswahl an den Klischees, die jede Fernsehkomödie sehenswert machen. Es gibt noch viel mehr. Jedes Ursprungsland der Einwanderer hat ihr eigenes Klischee: Polen, Ungarn, Georgier, Jemeniten, Iraker. Sie alle aufzudröseln würde ein Buch füllen. Daß jeder Israeli diese Klischees hegt und pflegt ist wiederum ein Klischee - eine Art Meta-Stereotyp.
Wer unerwähnt blieb - das sind die Araber. Sie befinden sich jenseits der liebevoll-bissigen Stereotype israelischen Alltags. Ist auch nicht verwunderlich - man muß niemanden mögen, der einem Raketen ins Wohnzimmer schickt. Sie haben kein speziell gepflegtes Klischee verdient.
Kommentare aus dem alten Blog zu diesem Eintrag:
Hi schmetterlingsfrau,
einfach köstlich, deine Beschreibungen! Ein bisschen überspitzt, aber so gehört es sich ja für solcherlei Betrachtugen. Ich jedenfalls habe mich prima amüsiert. Auch dein Eintrag zur Mülltrennung hat mich sehr erheitert. Genau darüber habe ich selber schon einige Male mit Freunden und Kollegen diskutiert. Am Anfang hier in Israel habe ich mich auch furchtbar schuldig gefühlt, plötzlich alles in eine Tonne zu werfen. Inzwischen ist es so, dass ich völlig überfordert bin, wenn ich meine Familie in D besuche.
Meld dich doch mal, wenn du Zeit hast. Wollten wir nicht plaudern?
Liebe Grüsse,
Jeanne
Jeanne | 07.12.2006 - 11:14
Sonntag, 14. Oktober 2007 um 0:33
Nach fünf Monaten Israel kann ich’s nur bestätigen und hab mich auf’s Allerköstlichste amüsiert.
Danke
Namida