Anders als in anderen Ländern ist die israelische Gesellschaft stark fragmentiert. Es leben hier dutzende Kulturen auf engstem Raum, allerdings nicht in multikultureller Weise, sondern eher in multiethnischer Weise, d.h. nebeneinander statt miteinander. Und selten läuft das tatsächlich konfliktfrei ab.
Wer als Fremder nach Israel kommt, etwa als Tourist, nimmt diese Strukturen nicht wahr. Wer wo dazugehört wird an subtilen Merkmalen festgelegt, allen voran ist es die Kleidung und die Sprache. Auch das Aussehen spielt eine Rolle, trügt aber sehr oft, da die Menschen vermischt sind und oft Eltern aus mehreren Gruppen haben. Jede Stadt, jedes Dorf, und manchmal auch jedes Wohnviertel, “gehört” einer bestimmten Gruppe. Wer zur einen gehört, kann in extremen Fällen die Gegend der anderen nicht einmal betreten.
Die Hauptgruppen der israelischen Gesellschaft lassen sich so einteilen:
Nach Religion:
- Juden (76%)
- Nichtreligiöse lo datiim (72%)
- Säkuläre chilonim (66%)
- Traditionelle masortiim
- Religiöse datiim (21%)
- Traditionelle masortiim
- Ultraorthodoxe haredim (8% aller Juden)
- Nichtreligiöse lo datiim (72%)
- israelische Araber (19%)
- Moslems (82%)
- Christen (10%)
- Drusen (6%)
- Beduinen
- (Palästinenser - keine Staatsbürger)
Der jüdische Sektor teilt sich außerdem in folgende Gruppen:
Nach Geburtsort:
- Im Land geboren sabres (67%)
- Neueinwanderer olim chadaschim (33%)
Nach Herkunft:
- Aus Afrika und Asien kommend bzw. abstammend (29%)
- Aus Europa und Amerika kommend bzw. abstammend (24%)
- Aus Rußland kommend und stammend (12%)
Nach Kultur:
- West-, mittel- und osteuropäisch aschkenasim
- Südeuropäisch sfaradim
- Orientalisch misrachim
Solche oder so ähnliche Kategorien werden auch etwa bei Umfragen und Fragebögen benutzt.
Im einzelnen:
Aschkenasim - von einem alten Wort für “Deutsche” - nennt man Juden aus Mittel- und Osteuropa (von Deutschland bis Rußland), während Sfaradim - “Spanier” - jene aus dem Mittelmeerraum sind (Marokko bis Syrien, Spanien bis Griechenland). Jene aus Nordafrika, die auch Sfaradim sind, nennt man genauer Misrachim - “Orientalen”.
Die beiden Gruppen vermischen sich immer mehr, dh. es gibt immer mehr Hochzeiten zwischen Angehörigen beider Gruppen. Die Unterschiede sind vor allem in der Kultur auszumachen. Die Aschkenasim wirken westlicher, europäischer, während die Sfaradim, besonders Misrachim, orientalischer wirken. Das betrifft die Aussprache des Hebräischen, die Mentalität, die Kleidung, das Essen, die Folklore, bevorzugte Musik, Sport, religiösen Ritus und Religionsgesetze, und oft das Aussehen Misrachim haben meistens deutlich dunklere Haut). Säkuläre Sfaradim sind auch häufiger religiös geprägt, d.h. sie leben in einem Zwischenstatus aus religiös und nichtreligiös.
Religiös (dati) und säkulär (chiloni) sind nach meinem Empfinden die beiden stärksten Gegenpole in der israelischen Gesellschaft. Zwischen säkulären Aschkenasim und Sfaradim gibt es wie erwähnt nicht nur Hochzeiten sondern Alltags- und Freundschaftsbeziehungen, aber fast keine zwischen religiösen und säkulären Juden, geschweigedenn eine Hochzeit, egal ob Sfaradim oder Aschkenasim. Der religiöse Lebensstil hat Bedingungen, die ein normales Zusammenleben mit der nichtreligiösen Bevölkerung nicht möglich machen.
Hauptgründe sind das Essen und die Feiertage.
Wer religiös lebt (aber auch viele traditionelle Sfaradim und manche Aschkenasim) ißt ausschließlich koscher. Das ist in Israel zwar nicht das große Problem (anders im Ausland!), aber es sind längst nicht alle Restaurants und Cafés koscher. Und noch wichtiger: Wer religiös lebt, hat zuhause eine koschere Küche und ißt nur in anderen koscheren Küchen. Fazit: Wer religiös lebt, kann mit anderen nicht gemeinsam essen, es sei denn, man einigt sich auf ein koscheres Restaurant. Ein koscher lebender Jude würde in einem nicht-koscheren Haushalt nichts essen, ja nicht einmal etwas trinken, es sei denn es handelt sich um ein Getränk, das er direkt aus der Dose trinkt. Darüberhinaus gibt es mehrere Standards von Koscher. Es gibt Gruppen, die nur ganz bestimmte Standards akzeptieren und daher einen weiter eingeschränkten Nahrungsmittelpool haben, während andere (viele traditionelle Sfaradim) beispielsweise auch dort essen, wo es kein Zertifikat gibt, aber das Essen koscher ist.
Eine andere Barriere sind die Feiertage und das Wochenende. Nach religiösen Regeln ist es am Samstag (Schabbat) und am Feiertag nicht erlaubt zu kochen, zu reisen und Feuer zu machen - worunter auch das Autofahren zählt. Da in Israel religiöse Feiertage die arbeitsfreien Tage sind, nutzen die nichtreligiösen Teile der Bevölkerung natürlich das Wochenende und die Feiertage für Ausflüge, Familienbesuche, Feste und Aktivitäten mit Freunden. Mit religiösen Menschen ist das nicht möglich. Sie verbringen die Feiertage zuhause und in der Synagoge. Der Lebensstil ist ein völlig anderer, hat einen anderen Mittelpunkt. Ihr einziger “richtiger Feiertag” ist der Nationalfeiertag - der einzige nichtreligiöse Feiertag. (Daher wird an diesem Tag traditionellerweise gegrillt, was an religiösen Feiertagen nicht erlaubt ist.)
Dann gibt es noch eine Menge anderer Unterschiede zwischen religiösem und säkulärem Lebensstil. Beispielsweise gelten eine Reihe von Regeln, die das Zusammenleben der Geschlechter regulieren sollen. Eine religiöse Frau würde nie einen fremden, d.h. unverwandten, Mann alleine treffen. Das Familienleben der religiösen Juden ist stark auf Kinder bezogen. Sie haben durchschnittlich doppelt bis dreimal soviele Kinder wie alle anderen. Frauen wie Männer sind viel zuhause oder arbeiten in Berufen wie Lehrer, Erzieherin (viele haben aber auch andere Berufe). Die Grundeinstellung zu vielen Dingen des Lebens ist völlig anders. Viele haben nicht einmal einen Fernsehapparat, da sie das Fernsehen und seinen Einfluß als schädlich betrachten. Die Kinder gehen in eigene Schulen, die reliigösen Werten verpflichtet sind. Das beinhaltet das Studium von Talmud und Tora für Jungen.
Nicht zuletzt ist der offensichtlichste Unterschied die Kleidung. An der Kleidung erkannt man religiöse Juden sofort. Bei den Männern ist es oft nur die Kipa, die ihn als religiös definiert, außer er gehört zu einer speziellen Gruppe wie z. B. den Chassidim, die sich schwarz im Stil des osteuropäischen Bürgertums des 18. Jahrhunderts kleiden (Hosen bis zum Knie und Strümpfe, Kaftane). Die Art der Kipa deutet auf die politisch-religiöse Zugehörigkeit hin: Bunte gehäkelte Kipot stehen für die Nationalreligiösen, die weniger streng sind und zur Armee gehen. Die Haredim tragen Schwarz. Die religiösen Frauen ähneln in ihrem Outfits den Moslems: Das Haar ist bedeckt, wenn die Frau verheiratet ist. Außerdem müssen die Ärmel bis über den Ellenbogen gehen, und das Kleid bzw. der Rock bis über das Knie. Die meisten tragen Röcke bis zum Boden. Hosen sind im Gegensatz zum Islam absolut verpönt. Aschkenasische religiöse Frauen sind oft unscheinbar gekleidet, grau und braun, und sie pflegen sich auch nicht besonders extravagant. Die sefardischen sind zwar ebenso verhüllt, aber oft modisch gekleidet und geschminkt. Enganliegende Kleidung ist absolut tabu, auch wenn viele junge Mädchen das nicht so ernst zu nehmen scheinen. Der Unterschied zu den säkulären Frauen ist deshalb so eklatant, da die israelische Mode sehr jung, bunt und sexy ist. Das betrifft alle Altersgruppen. Die durchschnittliche 50jährige Israelin ist gekleidet wie eine 16jährige Deutsche.
Alles in allem macht die religiöse Bevölkerung einen eigenen, abgegrenzten Sektor der Gesellschaft aus, der sich wiederum in aschkenasisch und sefardisch teilt. Wer nicht religiös ist, hat im allgemeinen keine engeren Beziehungen zu religiösen Menschen und umgekehrt. Selten kommt es vor, daß jemand von einem in den anderen Bereich wechselt, d.h. entweder religiös wird oder die Religion verläßt, z.B. wegen einem Partner. Das ist mit Konflikten mit der Familie verbunden - in beiden Fällen. Die Abgrenzung zwischen religiös und säkulär scheint bei den Aschkenasim viel stärker zu sein als bei Sfaradim, die durchschnittlicher traditioneller und spiritueller sind.
Eigens zu erwähnen sind noch die sogenannten Siedler (mitnachalim). Das sind Juden, meistens streng religiöse oder sogar fanatische, die in den besetzten Gebieten leben bzw. lebten. (Aus dem Gazastreifen sind die Siedler unter gewaltsamen Aufständen durch das Militär entfernt worden.) Die Siedlergesellschaft ist am Rande der israelischen Allgemeinheit zuhause. Längst nicht alle Religiösen sind Siedler, und nicht einmal alle unterstützen sie auch. Außer ein einziges Mal hatte ich nie Kontakte mit Siedlern.
Die arabischen Gruppen machen einen seperaten Teil der Bevölkerung aus. Geschäftskontakte sind vorhanden, Freundschaften sehr selten und Ehen fast ausgeschlossen (wenn es zu einer kommt, ist eine Nachricht in der Zeitung wert). Die arabische Welt Israels ist wie ein Staat im Staat. In den Dörfern und Städten der Araber gibt es eigene öffentliche Verkehrsmittel, eigene Straßenschilder, eigene Schulen. Die Geschäfte und Schulen öffnen zu den islamischen bzw. christlichen Werktagen. Staatliche Feiertage gibt es nicht, d. h. an jüdischen Feiertagen geht in den arabischen Gegenden das Leben weiter wie an jedem anderen Tag. Dafür werden dort Feiertage wie Weihnachten und Idr al Fitr gefeiert.
Die christlichen Dörfer und einige islamische sind für Juden ganz normal zugänglich. Viele fahren am Wochenende hin zum Einkaufen (da alles offen hat), oder man geht arabisch essen. Einige islamische Dörfer aber gelten als feindlich, d.h. als Jude darf man dort nicht hinein.
In Klammer habe ich die Palästinenser erwähnt, die keine Staatsbürger Israels sind. Immer wenn von Palästinensern die Rede ist, sind diese gemeint, auch wenn sich manche israelische Araber ebenfalls als “Palästinenser” bezeichnen. Mit Palästinensern hat man als Jude überhaupt keinen Kontakt, außer als Siedler oder Soldat (zumindest nicht in der heutigen Zeit. Früher konnte man nach Gaza und Jericho fahren, als es noch ein bißchen mehr Frieden gab. Heute ist das undenkbar.)
Jeder der in Israel lebt, hat seinen eigenen kleinen Platz, zu dem er gehört. Jeder hat seine eigene kleine Gruppe, zu der er sich zugehörig fühlt. Viele Einwanderer bilden außerdem eigene Gruppen je nach Herkunftsort und Sprache. Die größte davon sind die Russen. Es hat sich inzwischen eine richtige russische Subkultur gebildet - mit Fernsehkanälen und ganzen Straßenzügen voller Russen.
Ich bezeichne mich selbst, etwa in Umfragen, als “jüdisch, aschkenasisch, säkulär, Neueinwander, Europäer”. Aber genaugenommen habe ich meine eigene “Gruppe” gebildet. Inzwischen kenne ich ein halbes Dutzend Menschen mit demselben Hintergrund: Übergetreten, verheiratet, aus westeuropäischen Ländern. Einige davon sind deutschsprachig. Wir sind ständig in Kontakt, virtuell und real.