Wo Verweigerer keine Helden sind: Das Militär in Israel und Deutschland

Eng verbunden mit dem für den deutschen Touristen abstoßenden israelischen Patriotismus ist der gern zitierte “Militarismus” der Israelis. Viele Deutsche haben vor ihrem Israelurlaub noch nie eine Waffe außerhalb des Fernsehschirms gesehen, und das noch dazu aus nächster Nähe. Echte Waffen, die haben ja echte Waffen!

In Israel gehören Soldaten zum Bild des Alltags. Man sieht sie überall. An der Bushaltestelle, beim Einkaufen und in den Gastgärten der Kaffeehäuser. Die olivgrüne Tracht sieht man an jeder Ecke, und die meisten tragen ihre M16 offen über der Schulter. Ein Anblick, der für den Durchschnittsdeutschen schauderhaft ist. Und das Schlimmste daran: Sogar Mädchen laufen so herum!

In Israel ist der Militärdienst fester Bestandteil des Lebenslaufes jedes jungen Menschen, der hier geboren wird (und auch vieler, die später kamen). Eine Möglichkeit zu verweigern gibt es nicht. Der einzige Grund nicht gehen zu müssen ist ein religiöser - nämlich die vielgehaßte und ständig umstrittene Ausnahmegenehmigung der Jeschiwastudenten. Oh ich vergaß, als geistig nicht ganz auf der Höhe kann man sich auch freistellen lassen. Etwas, das von da an den Lebenslauf ziert und dafür sorgt, keinen richtigen Job zu bekommen.

So gut wie kein erfolgreicher israelischer Politiker war nicht beim Militär. Und jene, die es nicht waren, sind nicht besonders erfolgreich. Das ist auch gut so, denn sehr oft ist israelischer Krieg die Fortsetzung israelischer Politik mit anderen Mitteln. Wer keine Erfahrung als Heerführer hat, kann kein Staatsmann sein, nicht in Israel. Es zeigt sich immer wieder. So sieht die Realität hier aus. Ich habe es in vielen Jahren und in vielen auch bitteren Erfahrungen so erlebt und so gelernt.

Es ist kein Wunder, daß all diese Szenarios von Deutschen als militaristisch wahrgenommen werden. Deutschland ist ein Land, das keine positive Beziehung zum Militärischen hat. Seine Armee hat nicht nur verloren sondern trägt das Stigma des Bösen. Die Nazivergangenheit wurde nie aufgearbeitet sondern verdrängt. Anstatt sich mit den Verbrechen auseinanderzusetzen ist es einfacher, die gesamte Armee, das Militärische an sich, mit einem Bannfluch zu belegen. So entledigt man sich nicht nur lästiger Fragen sondern hat die Antwort schon vorher gefunden: Das Militärische an sich ist böse, also mußte auch die Wehrmacht böse werden. Damit “es nie wieder passiert”, darf man einfach nicht Soldat sein. So einfach ist das. Keine weiteren Fragen, der Zeuge ist entlassen!

Aber so einfach ist das aber nicht. Keine Armee ist blütenrein, und die schlimmsten Verbrechen verschwinden nicht, wenn man die Armee abschafft. Sie zu verfolgen und zu ächten - die Verbrechen und die Verbrecher! - ist das Zeichen einer moralisch anständigen Armee. Sie abschaffen zu wollen ist das Gegenteil - es ist Verdrängung, unter den Tisch kehren.

Im internationalen Vergleich ist diese gesellschaftliche Ächtung des Militärs wahrscheinlich einmalig. Kein Land hat sich die Schande seiner moralischen Niederlage derart zu Herzen genommen, daß sie selbst die nationale Identität ausmacht. Es ist das Gegenteil von Verarbeitung - es ist Zerfressenheit. In kaum einem anderen Land hat der Stand des Soldaten einen derart schlechten Ruf wie in Deutschland. Das “Verweigern” gilt als der Normalfall. Im Internet kann man vorgedruckte Formblätter downloaden, die man zum Verweigern vorlegt. Persönliche moralische Gründe scheinen nicht notwendig zu sein, denn die Idee keine zu haben, scheint so unbegreiflich, daß ein Formblatt den Zweck erfüllt. So kommt es, daß zum vollständigen Set der richtigen Meinungen auch der Antimilitarismus gehört - die Ablehnung alles Militärischen in absoluter Form. Eine Ausnahme wird nicht geduldet.

Wer doch zum Bund geht, wird vorsichtig beäugt. Von besonders eifrigen Gutmenschen wird er als potentieller Gewalttäter oder gar als “ausgebildeter Mörder” bezeichnet - und natürlich als verkappter Nazi, da er ja auf den deutschen Staat angelobt wird. (Der Effekt scheint zu sein, daß “ganz normale Deutsche” keine Soldaten werden sondern es tatsächlich derartige zwielichtige Charaktere sind, die freiwillig zur Waffe greifen wollen - die Leichenschänder-Vorwürfe in Afghanistan lassen sich zumindest so ganz gut erklären - wobei wieder spannend ist, wie das Thema in Dhimmimanier ausgeschlachtet wird.)

Kein Wunder also, daß bei diesem Hintergrund die ständige Militärpräsenz in Israel als abstoßend und widerwärtig erscheint. Derweil sind die Soldaten und Soldatinnen an den Bushaltestelle nur die Spitze des Eisbergs. Da gibt es Abgründe, die dem Auge des deutschen Touristen verborgen bleiben, da er ohne israelischen Personalausweis nicht hineinkommt. An jedem Nationalfeiertag - ein besonders militärpräsenter Tag - werden die Tore der Militärbasen für das gemeine Volk geöffnet und Tausende strömen hinein, um die Wunder der Kriegstechnik zu bestaunen, nicht ohne vorher aller Kameras entledigt worden zu sein. Undenkbar in Deutschland, daß sich auf die Einwohnerzahl umgerechnet Millionen Menschen an solchen Ausstellungen beteiligten. Mindestens dieselbe Anzahl würde sich in Gegendemos und Lichterketten vor den Eingängen einfinden und Give Peace A Chance kantillieren.

Die Gründe liegen auf der Hand. Es ist nicht nur die moralische Niederlage, den Oskar für die verbrecherischste Armee der Welt eingeheimst zu haben. Es ist auch die Tatsache, daß man in Deutschland durch nichts und niemanden bedroht wird - außer durch Müllsteuer und höhere Benzinpreise. Niemand der heute Lebenden unter 80 hat einen Krieg auch nur ansatzweise erlebt bzw. die Angst davor gespürt. Diese Gefühle sind so fremd, so unwirklich, daß die Vorstellung, in einem Panzer etwas Gutes, Schützendes und Lebensrettendes zu sehen einfach nicht denkbar ist.

Im Grunde haben Israel und Deutschland nach dem Holocaust dasselbe Ziel: “Daß so etwas nicht mehr passiert.” Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist: In welcher Rolle. Das deutsche Credo nach dem Zweiten Weltkrieg, das was deutsche Identität ausmacht, heißt: “Nie wieder Täter sein.” Dazu werden die seltsamsten Dinge unternommen, wie zum Beispiel die moralische Ächtung alles Militärischen. Das jüdische bzw. israelische Credo dagegen lautet: “Nie wieder Opfer sein”. Auch dazu werden die seltsamsten Dinge unternommen wie zum Beispiel die beste Armee der Welt haben zu wollen und sie manchmal auch zu haben.

Die daraus resultierende paradoxe Situation ist, daß das deutsche Credo das Militärische an Israel verachtet, da es alles Militärische verachtet. Es verachtet überhaupt jede Anwendung von Gewalt und darüber hinaus jede auch nur ansatzweise Diskriminierung von distinkten Menschengruppen, und natürlich die als koloniale Überheblichkeit verstandene Ansiedlung von Europäern - u.a. Holocaustopfern - im Nahen Osten. Folgerichtig ist etwa der Bau des Sperrzaunes entlang der Grenze zwischen Israel und den besetzten Gebieten ein solcher “Gewaltakt der Diskriminierung”. Die andere Seite und ihr Wunsch, nie mehr Opfer zu sein, wird nicht wahrgenommen. Anstatt Dinge wie den Sperrwall rational zu kritisieren (was durchaus getan wird), werden sie pauschal als böse abgelehnt. Für sehr viele Deutsche ist Israel an sich ein Gewaltakt - und in dieser Position sehen sie sich nicht trotz des Holocaust, sondern wegen ihm.

Diese weit verbreitete Haltung, die ich sofort bereit bin als die “gängige” zu bezeichnen, ist samt und sonders paradox und widersprüchlich. Daß durch sie die Opfer zu Tätern werden, wird wohl meistens billigend oder unswissentlich in Kauf genommen. Manchmal zweifle ich - nämlich dann, wenn das Vokabular der Israelkritiker die Nachtigallen trapsen hören läßt: Kriegsverbrechen, Völkermord, SS-Methoden. Wirft man diesen Menschen Antisemitismus vor, reagieren sie gekränkt und weisen das weit von sich. Denn jene Israelkritiker, die sich dem linkspazifistischen Lager zuordnen, sehen sich nicht als Judenfeinde. Sie vertreten ihre Ansichten aus einem konsequenten Antimilitarismus und Antikolonialismus heraus. Ihre de facto Feindseligkeit gegenüber den Nachkommen der Holocaustüberlebenden ist bei ihnen Kollateralschaden, Pech, eine Folgerung der Logik, notwendige Folgerung aus der “richtigen” Deinweise. In dieser Ideologie des totalen Antifaschismus geht es um die Idee, nicht um die Realität. Es geht um Theorie, nicht um Fakten. Fakt ist, daß das inbrünstige Israelkritisieren und Uri Avnery-Lobgehudel entgegen israelischen Sicherheitsinteressen ist. Dieses Verhalten schädigt Israel, schwächt es, und trifft dadurch direkt und indirekt das Überleben jener und die Kinder und Verwandten jener, die den Nazis davonlaufen konnten.

Aus lauter Furcht noch einmal Täter zu werden werden die Antifaschisten aber genau das: Nämlich zu indirekten oder direkten Gegnern des jüdischen Staates und zu verbalen Handlangern des modernen eliminatorischen Antisemitismus, wie ihn Achmedinedschad und Nasrallah vertreten.

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