Kann man Jude werden?

Juden sind doch ein Volk, oder eine Religion?

Das Judentum ist keine missionarische Religion. Eigentlich ist es gar keine Religion so wie Christen das verstehen. Ein Christ oder jemand aus einem christlichen Umfeld versteht unter Religion den Glauben an bestimmte Dinge, der den Menschen in höhere Sphären der Spiritualität hebt, ihn erlöst und auf den richtigen Weg bringt. Man sagt, daß wer an Jesus wirklich glaubt, erlöst wird. Das ist christlicher Glaube. Jeder der den richtigen Weg gehen will, egal wo er lebt oder wer seine Eltern waren, kann so Christ sein.

Nicht so im Judentum. Die jüdische Religion ist genaugenommen der traditionelle Gesetzeskodex eines uralten Volkes, das seinen Ursprung im Nahen Osten hat und im Laufe der Jahrtausende auf der ganzen Welt seine Menschen verstreute. Sinn und Zweck der jüdischen Religion ist nicht die spirituelle Erhöhung ihrer Mitglieder, und schon gar nicht ihrer Nichtmitglieder. Sie ist im Regelfall ein Feature, das beim Produkt “Jude” einfach mitgeliefert wird.

Fast alle Juden werden als solche geboren. Das passiert, wenn man eine jüdische Mutter hat (der Vater ist dabei völlig egal, denn früher wußte man oft nicht wer der Vater eines Babys war, besonders bei Vergewaltigungen in Notzeiten). Wenn also ein Jude geboren wird, wird ihm das Feature “jüdische Religion” von den Eltern und der Umgebung mitgegeben. Man braucht keine Taufe, wenn man als Jude geboren wird, man ist es einfach. Auch die Beschneidung hat nichts damit zu tun, daß das Baby Jude wird.

Judesein ist also wie eine Staatsbürgerschaft - die meisten Staatsbürger werden einfach geboren. Niemand fragt sie.

So wie in den meisten Staaten, bestehen die meisten Staatsbürger aus solchen Menschen, die als solche geboren wurden. Das liegt daran, daß die wenigsten Menschen weit reisen und dabei einen Lebenspartner finden oder sich woanders niederlassen und dort ihre KInder bekommen. Meistens findet sich der Partner in der Nähe, und dort kommen auch die Kinder zur Welt. Außerdem ist es einfacher, wenn beide eine ähnliche Kultur und die gleiche Sprache haben.

So auch im Judentum. Die meisten Juden haben zwei jüdische Eltern, die ebenfalls zwei jüdische Eltern haben. Zumindest in Israel ist das der Regelfall.

Aber nicht immer. Niemand kann steuern wo die Liebe hinfällt, und so passiert es immer wieder, daß zwei verschiedene Menschen sich verlieben und eine Familie gründen. Oder jemand entscheidet sich aus anderen Gründen, in ein anderes Land zu ziehen, weil es dort besser ist.

Um in diesem Fall gleichberechtigt mit allen anderen zu sein und sich integrieren zu können, nehmen Menschen andere Staatsbürgerschaften an, passen sich an die Traditionen an, lernen von anderen und gleichen sich an. Dasselbe gibt es im Judentum.

Ich glaube das jüdische Volk war das erste, das Einbürgerungen als festen Bestandteil seiner Gesetze ansah.

So wie bei der heutigen Debatte um “Überfremdung” war das schon damals so, daß man Angst hatte, durch zu laxe Einwanderungsgesetze die eigene Identität zu gefährden. Man sagt, daß das Goldene Kalb von Konvertiten, also Zuwanderern, aufgestellt wurde, die sich nicht genug integriert hatten, d.h. die kulturelle Norm des Monotheismus nicht akzeptiert hatten.

Seither ist das Judentum vorsichtig. Es missioniert nicht, sondern im Gegenteil, ist sehr streng und pedantisch bei der Aufnahme von Neuzugängen. Daher ist ihre Zahl auch sehr gering. In Israel werden pro Jahr einige wenige hunderte Leute Juden, obwohl es Millionen gibt, die es vielleicht gerne sein würden.

Das Judentum benimmt sich wie die USA oder Australien, welche ebenfalls sehr restriktive Einwanderungsgesetze haben. Da gibt eine Menge Hürden zu überwinden.

Aber wenn jemand es wirklich ernst meint, dann kann er Jude werden. Ich habe es getan.

Viele fragen, ob man “akzeptiert” wird. Die Antwort ist: Von den meisten ja, von manchen nicht. Wer etwas anderes behauptet, macht sich etwas vor.

Viele fragen auch, ob man dazu an etwas glauben muß. Die Antwort ist: Nein. Man sollte schon, d.h. es wird erwartet, aber man muß nicht.

In den folgenden Beiträgen werde ich meine Geschichte erzählen: Warum habe ich es getan? Wie geht das vor sich? Wie lange dauerte es? Gibt es Zweifel und Probleme? Und vieles mehr.

2 Antworten zu “Kann man Jude werden?”

  1. Tuti sagt:

    erev tov…

    Toda Raba für diese vielen Informationen. Du beantwortest so viele Fragen, die sich im laufe der zeit angesammelt haben.

    Es ist wirklich so informativ, ich könnte mich ewig hier durch lesen. :)
    Und nebenbei nimmst du mir ein bisschen die Angst, denn du zeigst deinen Lesern, dass es möglich ist!!! Vielen Dank für die wertvollen Beiträge.
    Mein Freund kommt Ende Oktober nach Deutschland. Er möchte hier zusammen mit mir studieren. was dann ist? ich würde sehr gern mit ihm nach Israel gehen… Nach drei Jahren endlos erscheinender Ferne werden wir uns nun ganz nah sein

    im Internet findet man ja allerhand über den Übertritt. in vielen Foren stellen personen ihre Fragen. Jedoch habe ich bisher nie einen so ehrlichen bericht diesbezüglich gelesen :)

    Schmetterlingsfrau, du machst mir Mut.

  2. schmetterlingsfrau sagt:

    Liebe Tuti,
    Ja es ist möglich, und ja, was so in Webforen steht, vor allem in deutschsprachigen, hat mit der Situation in Israel überhaupt nichts zu tun. In Deutschland ist die Situation eine völlig andere, die Motivlage ist eine andere, die Erwartungen sind anders, und es sind andere Menschen, die das anstreben. Die diesbezüglichen Informationen sind also nutzlos. Wenn du konkrete Fragen hast, kann ich dir weiterhelfen.

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