Jom Kippur - wenn die Welt stillsteht

Vor nicht allzulanger Zeit war Jom Kippur. Es ist der höchste Feiertag im jüdischen Kalender. Es ist ein Fastentag, d.h. 25 Stunden lang sollte man weder essen noch trinken, noch Sex haben, noch Schminke und Lederschuhe benutzen. So lautet die traditionelle Regel.


Außerdem gelten alle Vorschriften des Schabbat, d.h. man darf kein Feuer machen, was Autofahren und Kochen miteinschließt, und nicht arbeiten.
Jom Kippur ist der einzige Schabbat, den jeder einhält, egal ob religiös oder nicht. Die Straßen sind leergefegt. Man hört an der größten Kreuzung der Innenstadt die Vögel zwitschern; und die Ampel schaltet von Grün auf Rot von Rot auf Grün, ohne daß ein einziges Fahrzeug die hunderten Fußgänger, Kinderwägen, Fahrräder und Rollerblades behelligt.
Dieses Jahr war ich zum zweiten Mal in diesen Tag in Israel. Alle anderen Jahre waren wir auf Urlaub, ein Jahr nach dem anderen. Denn am Jom Kippur möchten viele nicht zuhause sein. Man kann nichts unternehmen, ja nicht einmal ausgehen und essen. Viele nehmen die Brücke der Feiertage von Neujahr bis Sukkot zum Anlaß für einen längeren Aufenthalt im Ausland.
Diesmal war ich wieder hier.
Es ist ein besonderer Tag, an dem alles anders ist. Wir hatten uns überlegt, das Auto am Stadtrand zu parken und heimlich wegzufahren, aber ich wollte es nicht. Ich wollte diesen Tag genießen.
Einige verstecken das Auto am Stadtrand, laufen hin und fahren mit dem Wagen in ein arabisches Dorf zum Essen. Da Autofahren absolut verpönt ist, tut man es heimlich. Oder man druckt sich einen roten Davidstern auf ein A4-Blatt und legt es hinter die Windschutzscheibe: Die einzigen Autos die fahren, gehören zum Krankenhaus. Es sind Einsatzfahrzeuge
Wir blieben zuhause.
Viele fasten an dem Tag, wir taten es nicht. Wir sehen auch fern und benutzen den Computer. Die meisten aschkenasischen Juden - das sind jene mit europäischen Vorfahren - halten nur wenige religiöse Gebote ein. Ich zähle mich ebenfalls dazu.

Am Abend, sobald die Sonne ganz untergegangen war, gingen wir aus.
Man sagt, am Jom Kippur ist jeder wie ein Engel. Es ist der Tag der Versöhnung und auch der Abrechnung. Die Untaten des vergangenen Jahres werden an Neujahr - 10 Tage vor Jom Kippur - abgewogen und dein Name in ein Buch geschrieben: Wenn du perfekt warst, stehst du im Buch des Lebens, wenn du böse warst im Buch der Toten, und wer mittelmäßig war, bleibt unentschieden im Buch der Mittelmäßigen, welches am Jom Kippur geöffnet wird. An diesem Tag entscheidet sich also alles - denn so gut wie niemand ist entweder vollkommen gut oder vollkommen böse. So die Geschichte.

Da alle Menschen an diesem Tag wie Engel sind, kleidet man sich in Weiß. Am Abend des Jom Kippur (Feiertage beginnen und enden immer am Abend) gehen sehr viele Menschen auf die Straße, spazieren auf den leeren Kreuzungen und Fahrbahnen und sind weiß gekleidet. Viele tragen Turnschuhe, Trampersandalen oder Crocs, da Lederschuhe an diesem Tag verboten sind. Nur schminken tun sich alle - es ist ein festlicher Abend.

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